„Vater, jetzt verstehe ich, warum du deinen Stamm verlassen hast und lieber beim Volk lebst.“ (Seite 144)

Cover: Das Erbe des großen Hundes Zum Inhalt

Jahre nach dem Besuch von Don Garcia weiß Eule, der Sohn von Der-ohne-Kopf, nicht so recht etwas mit sich anzufangen. Er empfindet sich als „anders“ und weiß nicht weshalb. Ein Gespräch mit Weißer Büffel bringt Klarheit - nicht nur in seine Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft: er wird vom alten Medizinmann als Lehrling angenommen. Zum Ende seiner Ausbildung muß er alleine in die Wildnis, um sein Medizintier zu finden. Aber gefunden wird er auch von den Schädelspaltern, den Todfeinden des Volkes. Es beginnt eine lange und qualvolle Odyssee mit ungewissem Ausgang.

 

 

 

 

Meine Meinung

Don Coldsmith steht das Verdienst zu, daß er uns mit seinen Büchern an Dinge erinnert, die schon im Nebel der Geschichte unterzugehen drohten. (S. 187) So ist im Nachwort zu lesen, und in der Tat gelingt es Don Coldsmith auch hier wieder, vergangene Zeiten in hellem Licht lebendig werden zu lassen. Den Begriff „erstrahlen“ will ich hier besser nicht verwenden, da würde Eule vermutlich auch widersprechen. Denn von „erstrahlen“ ist über weite Teile des Buches wahrlich nichts zu merken, von „leben“ aber schon - und wenn es nur durch Qual und Schmerzen ist.

Der in der Rezension zum Vorgängerband angedeutete Generationenwechsel ist inzwischen im Gange. Zwar tauchen einige der - oft immer noch nicht so alten - Recken auf, doch das Augenmerk liegt auf der nächsten Generation. Eule, der zweite Sohn von Der-ohne-Kopf muß erwachsen werden, auf härtere und schnellere Art, als auch der Leser sich das vorgestellt hätte. Er würde weit reisen und den Stamm seines Vaters besuchen, lautete eine Prophezeiung seines Lehrmeisters Weißer Büffel. Der Leser ist vermutlich genau so gespannt auf diese Begegnung wie Eule. Um so schrecklicher wird dann das tatsächliche Zusammentreffen.

An die eher handlungsbezogene Schreibweise habe ich mich inzwischen gewöhnt; dem Autor gelingt es, in wenigen Sätzen eine Welt aufzubauen, die ich mir gut vorstellen kann. Über weite Strecken des Buches war ich genau genommen recht froh, daß Coldsmith auf ausladende Beschreibungen verzichtet. Die Andeutungen reichten aus, mir mehr als genug Informationen über die Handlung zu vermitteln.

Gerade in diesem Buch ist es mir besonders aufgefallen, wie gut es dem Autor gelingt, ganz aus der Sicht der Indianer zu schreiben. So erlebt der Leser die Begegnung mit den Spaniern auch rein aus Sicht Eules, der noch nie Kontakt mit Weißen (sieht man vom Besuch seines Großvaters viele Jahre zuvor in seiner frühen Kindheit ab) hatte und weder deren Sitten und Gebräuche noch deren Denk- und Handlungsweise kennt. Besonders erwähnt sei hier Eules Besuch der „Medizinhütte“, die so aus seiner Sicht geschrieben ist, daß sein Unverständnis und sein Entsetzen mehr als spür- und nachvollziehbar werden und der Kulturschock, den er erlebt, überaus greifbar wird. Beeindruckend auch, wie realistisch das Überleben in der Wildnis beschrieben wird.

Was mir besonders gut gefallen hat ist, wie Coldsmith die Denkweise und Mythologie der Indianer einbezieht, vor allem im Hinblick auf Eules Medizintier und dessen wiederholtes Auftauchen. Ich schätze, weder Eule noch der Leser können sich in jedem Fall sicher sein, ob das eine Vision oder das tatsächliche leibhaftige Auftreten des Tieres ist, was beschrieben wird. Das ist mir schon etliche Male auch bei anderen Autoren so begegnet, erwähnt seien Colin Stuart, Robert Conley oder Kerstin Groeper.

Die ganze Zeit über hatte ich beim Lesen eine leicht wehmütige Stimmung, denn es heißt Abschied nehmen. Abschied von den Übersetzungen, denn dies ist - nicht unbedingt ein Ruhmesblatt für deutsche Verlage - der letzte Band, der auf Deutsch erschien. Abschied von vielen vertrauten Figuren, denn in den Originalbänden ist ein Stammbaum enthalten mit Angaben, wer in welchem Buch auftaucht. Und nur wenige der „alten“ sind da für die nächsten Bände noch verzeichnet. Die Welt ist im Wandel, das Alte muß dem Neuen Platz machen. Innerhalb weniger Jahre haben die Elk-Hunde (= Pferde) das gesamte Leben der Indianer verändert. Die nächste Generation, die das Leben ohne Pferde nur noch aus den Erzählungen der Alten kennt muß sich neuen Problemen stellen, die zu bewältigen sind. Die Welt und das Leben verändern sich. Ob immer zum Besseren, sei dahingestellt.

Zum Schluß will ich noch einmal das Nachwort sprechen lassen: Da tut es gut, auf Bücher wie die von Don Coldsmith zu stoßen, in denen die Indianer eben nicht die typischen Bösewichter sind, die nur immer Züge überfallen, Frauen und Kinder verschleppen und ihre Gefangenen foltern. (Seite 182) Sondern, so möchte ich ergänzen, ganz normale Menschen sind. Menschen wie du und ich.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Mein Fazit

Eule, der Sohn von Der-ohne-Kopf, muß ganz auf sich alleine gestellt, geschildert rein aus Sicht der Indianer, seinen Weg und seine Stellung im Leben finden. Lesenswert, wie die ganze Reihe.

 

Über den Autor

Don Coldsmith, geboren 1926, arbeitete bis 1988 in Kansas als Arzt. Mit seiner Frau Edna betrieb er zudem eine kleine Farm und Pferdezucht. Er schrieb insgesamt über 40 Bücher und starb am 25. Juni 2009.

Bibliographische Angaben

188 Seiten, kartoniert. Nachwort von Ardath Mayhar
Originaltitel: Buffalo Medicine. Aus dem Amerikanischen von Peter Pfaffinger
Verlag: Wilhelm Heyne Verlag, München 1995; ISBN-10: 3-453-08277-X, ISBN-13: 978-3-453-08277-9