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Wir werden eher erleben, daß ein Telegramm einen Krieg auslöst als einen beendet, das versichere ich Ihnen. (Seite 709)

 

Cover: Der JahrhundertsturmZum Inhalt

Unter teils dramatischen Umständen lernen sich Alvin von Briest, Paul Baermann und der Polizist Bronikowski kennen und schätzen. Es entsteht eine Freund- und Kameradschaft, die ein Leben lang anhalten wird. Kompliziert wird es erst, als sich Alvin und Paul in Paris in dieselbe Frau verlieben: Louise Ferrand, die schließlich Alvin heiratet.
Die vier leben in einer aufregenden Zeit: Aufkommen und Ausbau der Telegraphie wie der Eisenbahn, Märzrevolution, Krieg gegen Österreich und schließlich gegen Frankreich. Dabei kommen sie immer wieder in Kontakt mit Personen der Zeitgeschichte, allen voran Otto von Bismarck, mit dem sich Alvin anfreundet.
Somit ist der zeitliche Rahmen, der rund vierzig Jahre deutscher und Eisenbahngeschichte umfaßt, gesteckt. Es ist eine Welt im Auf- und Umbruch, in der sich die Figuren zurecht finden müssen.

 

 

 

Meine Meinung

Einen langen Zeitraum umfaßt dieses Buch und das Gefühl, es seien seit Handlungsbeginn viele Jahre verflossen, stellte sich mehr und mehr ein, womit angedeutet ist, daß Form und Inhalt sich durchaus entsprechen. Wenn man zudem bedenkt, was in der Zeit zwischen Anfang und Ende (zwischen ca. 1840 und 1871) des Buches alles geschehen ist, wird einem klar, daß der Autor in der Tat (wie er im Nachwort schreibt) vieles weglassen mußte - und der Roman dennoch rund tausend Seiten umfaßt. Trotz des langen Zeitraumes und mancher Zeitsprünge empfand ich das Buch wie aus einem Guß, nie schien es mir, als ob etwas fehlen würde.

Der Autor versteht es hervorragend eine Welt im Umbruch lebendig werden zu lassen, indem er seine Figuren an die Brennpunkte schickt, an denen - wie wir heute wissen - sich entscheidende Momente der Geschichte befinden. Das ist ziemlich zu Beginn die Begegnung mit dem „Adler“ - der ersten Lokomotive in Deutschland. Zu dem Zeitpunkt ist sie etwa fünf Jahre alt und Entwicklung wie Verbreitung der Eisenbahn stehen noch ganz am Anfang. Welch ein Unterschied zum Ende des Buches, als es bereits ein weitverzweigtes Eisenbahnnetz gab!

Das Buch ist gut lesbar geschrieben, die Balance zwischen Beschreibung und Handlung empfand ich als sehr ausgewogen und genau richtig. Figuren wie Orte konnte ich mir gut vorstellen, durch den flüssigen Stil war ich nach einer Lesepause immer schnell in der Geschichte drin, ohne daß ich lange überlegen mußte, was denn bisher geschehen ist.

Als „alter Eisenbahnnarr“ hat mich natürlich deren „Separatgeschichte“ innerhalb des Buches besonders interessiert. Auch in dieser Hinsicht wurde ich nicht enttäuscht, läßt der Autor doch quasi nebenbei die Umstände des Eisenbahnbaus mit in die Geschichte einfließen. Soll heute eine Bahnstrecke neu gebaut werden, so ist das ein Unterfangen von vielen Jahren, bis alleine die Planung so weit abgeschlossen ist, daß mit dem Bau begonnen werden kann. Denn kaum tauchen Gerüchte über eine Neubaustrecke auf, formiert sich auch schon Widerstand dagegen. Wäre das damals bereits so gewesen, die Eisenbahn wäre vermutlich schon in ihren ersten Jahren mit Pauken und Trompeten gescheitert und zur Randnotiz der Geschichte geworden. So aber wurden ohne viel Federlesens die Strecken geplant und gebaut, eine „Bürgerbeteiligung“ gab es nicht. Es versteht sich, daß es dabei auch zu eher unschönen Szenen und Entwicklungen kam.

Immer wieder ein Thema ist auch die deutsch-französische „Erbfeindschaft“ und die gegenseitigen Animositäten. Wenn ich die im Buch geschilderten gegenseitigen Vorurteile mit den heutigen gegenüber Ausländern vergleiche, so hat sich eigentlich in den letzten einhundertfünfzig nicht viel verändert.

Ein Handlungsstrang, der mir nicht so zusagte und den ich am Ende denn doch als zu lang empfand, war der um Pauls Schwester Lily. Diese fühlt sich von ihm um ihr Erbe und um Anerkennung betrogen und trachtet ihm darob das ganze Buch hindurch nach dem Leben. Das, in Verbindung mit einer weiteren Motivation, die ich hier nicht spoilern möchte, brachte zwar ein Element der Spannung und des Abenteuers mit in das Buch, aber letztlich war mir das, vor allem gegen Ende hin, doch zu viel. Da hätte ich mir gewünscht, daß dieser Handlungsstrang deutlich früher zu einem Ende geführt worden wäre.

Etwas irritierend scheint mir auch die Selbstverständlichkeit des Dreiecksverhältnisses zwischen Alvin, Louise und Paul, vor allem auch im Hinblick darauf, daß Alvin preußischer Offizier war. Ob da nicht eher die Einstellung des 21. denn die des 19. Jahrhunderts durchkommt?

Besonders gelungen fand ich, daß Otto Fürst von Bismarck immer wieder auftauchte. Alvin lernte ihn in der Jugend kennen, wodurch sich eine lebenslange Freundschaft entwickelte. Dabei kommt Bismarck, was seinen Charakter betrifft, nicht immer gut weg. Dennoch (ob der Autor wohl solches im Sinne hatte?) wurde er mir im Verlauf des Buches immer sympathischer und mein Respekt vor seiner Leistung wuchs. Momentan lese ich ein Buch über Bismarck und muß manchmal lächeln, wie gut Dübell so manches Ereignis in seinen Roman mit verwoben hat. Nur beim geschilderten Verhältnis zu seiner Frau Johanna bin ich mir nicht so sicher, ob das bzw. Frau von Bismarck selbst im Roman zutreffend dargestellt wurden. Die Schilderung von Gabriele Hoffmann in „Otto von Bismarck und Johanna von Puttkamer“ des Verhältnisses der beiden zueinander scheint mir doch eine andere zu sein. Für den Roman ist das allerdings eher weniger wichtig.

Alles in allem bereitete mir das Buch viele, bisweilen vergnügliche, streckenweise lehrhafte, immer aber unterhaltsame Stunden. Ich habe die Figuren gerne durch die Jahrzehnte begleitet und dabei auch so manches über das Vorbild meines Hobbys - die Eisenbahn - erfahren. Ein, bis auf die genannten Kritikpunkte, rundum gelungenes Buch, das ich vermutlich irgendwann wieder lesen werde.

 

Mein Fazit

Ein herausragendes Leseerlebnis, das mir „mein“ Jahrhundert, das Neunzehnte, in fast nicht gekannter Weise zum Leben erweckte, Zusammenhänge offenbarte, die mir bisher verborgen geblieben waren und mich (wieder) angeregt hat, mich mehr mit dieser Zeit und vor allem Otto Fürst von Bismarck zu beschäftigen.

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Über den Autor

Richard Dübell wurde 1962 geboren. Seit seiner Jugend schreibt er, ist als Grafiker und Cartoonist tätig. Mit seiner Familie lebt er in Landshut.

Bibliographische Angaben

1049 Seiten, 1 Landkarte im Vorsatz, kartoniert
Verlag: Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015. ISBN 978-3-548-28664-8