Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Cover: Die JournalistenEs gibt so Vieles, was geschieht, und so ungeheuer Vieles, wqs nicht geschieht, daß es einem ehrlichen Zeitungsschreiber nie an Neuigkeiten fehlen darf. (GW3, S. 20)

 

Zum Inhalt

Der junge Professor Oldendorf, Redakteur der Zeitung „Union“, ist befreundet mit der Familie des Obersten a. D. Berg und möchte dessen Tochter Ida heiraten; er kandidiert bei den anstehenden Wahlen. Allerdings sind er und der Oberst politisch verschiedener Meinung, was verschlimmert wird, als der Oberst von der Gegenpartei zum Gegenkandidaten aufgestellt wird. Als die Gutsbesitzerin Adelheid Runeck zum Überwintern in der Stadt eintrifft, sind die Fronten bereits verhärtet und es sieht schlecht aus für Oldendorf und Ida. Als dann noch eine Intrige gegen Oldendorf gesponnen wird, hat Adelheid alle Hände voll zu tun, um alles wieder ins Lot zu bringen und doch noch einen glücklichen Ausgang zu ermöglichen.

 

 

 

Meine Meinung

Wer hätte gedacht, daß Manches, was für die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde, sich auch im 21. nicht groß verändert hat, zumindest was den Umgang mit dem jeweiligen politischen Gegner betrifft. Da gibt es Intrigen, Absprachen in Hinterzimmern - und natürlich will jeder nur das Beste für das Land, während die anderen dessen Untergang sind. Kommt irgendwie bekannt vor.

Aber „Die Journalisten“ sind kein politisches Drama, sondern ein Lustspiel. Und so versteht es sich, daß auch die Liebe nicht zu kurz kommt. Die Spannung entsteht dadurch, daß der Brautvater und der Schwiegersohn politisch nicht nur verschiedener Meinung sind, sondern sich schließlich bei den anstehenden (nicht näher bezeichneten) Wahlen als Gegenkandidaten gegenüber stehen. Es ist viel von Pflichterfüllung die Rede, und doch gelingt es Freytag, diesen Begriff durchaus infrage zu stellen. Denn wenngleich der Oberst sich darüber und die Gründe, weswegen man sich als Kandidat aufstellen läßt, echauffiert, läßt er sich dann genau mit eben diesen Gründen und Argumenten selbst einfangen und zur Kandidatur - und damit Gegnerschaft mit dem langjährigen Freund Oldendorf - überreden.

Nicht nur in dieser Szene mußte ich lächeln, immer wieder gelingt Freytag eine Situationskomik, die mich zum Grinsen brachte und den Wunsch erweckte, das Stück auf der Bühne zu sehen. Allerdings nicht in einer modernen Inszenierung, sondern in Art und Ausstattung, wie es zu Lebzeiten des Autors üblich war. Erstaunt hat mich die Figur der Adelheid Runeck. Sicherlich ist das Stück der Gesellschaft und den Ansichten des 19. Jahrhunderts verhaftet, dennoch erschien sie mir manchmal (in unserem Sinne) relativ modern, die mit nur wenigen Veränderungen durchaus auch in unserer Zeit leben könnte.

Der Bayerische Rundfunk hat das Stück im Jahr 1961 unter der Regie von Fritz Umgelter verfilmt. Leider ist der Film anscheinend genau so vergessen wie die Vorlage; nirgends ist er zu finden (außer den Daten des Stabs und der Schauspieler).

Das Lustspiel war seinerzeit übrigens - bis weit in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein - ein großer Erfolg. Man zählte das Stück zu den besten deutschen Lustspielen (vgl. z. B. Richard M. Meyer „Die deutsche Litteratur des Neunzehnten Jahrhunderts“, - Reihe „Das Neunzehnte Jahrhundert in Deutschlands Entwicklung“, Band 3 - Berlin 1900, Seite 396), was aber leider nicht verhindern konnte, daß das Stück im Laufe des 20. Jahrhunderts (nahezu) in Vergessenheit geraten konnte.

Schade eigentlich.

Mein Fazit

Einst eines der erfolgreichsten Lustspiele deutscher Bühne, sind „Die Journalisten“ heute weitgehend vergessen. Was schade ist, denn gerade die im Stück angesprochenen (grundsätzlichen) politischen Gegensätze und Händel sind zeitlos aktuell.

 

Über den Autor

Gustav Freytag wurde am 13. Juli 1816 in Kreuzburg (Schlesien) geboren. Sein Vater Gottlob Ferdinand war Arzt, seine Mutter Henriette Albertine eine geborene Lehe. Mit Unterbrechung war Gottlob Ferdinand Bürgermeister von Kreuzburg. Freytag studierte bei Hoffmann von Fallersleben und Karl Lachmann. Da er aus politischen Gründen keine Professorenstelle bekam, wurde er zunächst als Privatdozent in Breslau tätig. Ab 1848 gab er gemeinsam mit Julian Schmidt die nationalliberale Zeitschrift „Die Grenzboten“ heraus. Seine Artikel brachten ihm u. a., daß er von Preußen steckbrieflich gesucht wurde. Er ließ sich schließlich in Siebleben bei Gotha nieder, wo ihm später von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha der Hofratstitel verliehen wurde.
Von 1867 - 1870 saß er für die Nationalliberale Partei im Reichstag. 1870/1871 war er als Begleiter und Berichterstatter des Kronprinzen Friedrich von Preußen im Deutsch-Französischen Krieg dabei. 1893 wurde er zur Exzellenz ernannt und erhielt den Orden Ordens Pour le mérite der Friedensklasse. Freytag war in erster Ehe mit Emilie Scholz verheiratet, die 1875 starb. Mit seiner zweiten Frau Marie Kunigunde Dietrich, von der er 1890 geschieden wurde, hatte er zwei Kinder. Im Jahre 1891 heiratete er in dritter Ehe Anna Strakosch, die er seine „Ilse“ nannte. (Quelle: „Gustav Freytag. Briefe an seine Gattin“, Berlin 1912, Vorwort von Hermance Strakosch-Freytag).
Gustav Freytag starb am 30.4.1895 in Wiesbaden und liegt in Siebleben (heute ein Stadtteil von Gotha) begraben.

Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe

Gesammelte Werke in 22 Bänden (= GW), 2. Auflage 1896, Band 3, Seite 1 - 112, Verlag von S. Hirzel, Leipzig 1896