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Harry lebte in derselben Welt wie ich, einer Welt, in der man die Achtung vor sich selbst verlieren konnte und die eigene Familie einem oft das Gefühl gab, ein wertloser Mensch zu sein. In dieser Welt mußte man für alles, was man bekam, einen Preis zahlen. (Seite 218)

 

Cover: Amors neue KleiderZum Inhalt

Diana ist mit Philip verlobt und in Harry verliebt; ihr Laden für Designerkreationen aus zweiter hand steht vor dem Ruin. - Chaos, wo sie hinsieht. Da eine Lösung für das problem mit den Männern einfach nicht in Sicht ist, stürzt sie sich hals über Kopf in den Kampf für ihr kleines Unternehmen - jedenfalls fürs erste. Als sie Harry kennen lernt, gerät ihre Welt vollends aus den Fugen.

 

 

 

Vorbemerkung

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Kommentar / Meine Meinung

Als Katholik hingegen wußte man, daß man sich auf große Leiden einstellen konnte, wenn Gott erst einmal anfing, einem zur Kenntnis zu nehmen. (Seite 253) Weshalb es Diana in der Regel auch darauf anlegt, nicht von ihm zur Kenntnis genommen zu werden. Zum Leidwesen ihres Vaters und ihrer Schwester Francesca. Aber denen kann sie sowieso nichts recht machen, wird von ihnen nie richtig anerkannt, so daß das eigentlich egal ist. Ihr Verlobter Philipp ist obendrein Presberytaner aus einer alteingesessenen Familie. Viel schlimmer kann es eigentlich nicht mehr kommen, oder?

Kann es doch, nachdem ihre Schwester Cynthia sie mit dem Anwalt Harry bekannt gemacht hat. Der Beruf ist allerdings das Einzige, was er mit Philipp gemeinsam hat. Nun wird Diana für den größten Teil des Buches nicht zwischen zwei Stühlen, sondern zwischen zwei Männern stehen, weil sie sich einfach nicht entscheiden kann bzw. sich nicht sicher ist, was sie von Harry halten soll. Harry, der nie sagt, daß er sie liebt und Philipp, dessen Heiratsantrag einfach den Grund hat, daß eine Heirat die logische Fortsetzung ihres Teamworks wäre. Nicht gerade romantisch, paßt aber zu ihm.

Das Buch habe ich mir besorgt, weil ich die Verfilmung kenne. Es hieß zwar, das Buch sei besser als der Film, doch meiner persönlichen Meinung nach ist das hier einer der Fälle, in denen der Film eindeutig und wesentlich besser ist als die Buchvorlage.

Wobei ich keinesfalls meine, daß das Buch schlecht sei, es bleibt nur mehr an der Oberfläche, reißt Themen und Probleme an, die der Film tiefer darstellt. Etwa die Alkoholsucht der (verstorbenen) Mutter und deren Auswirkungen auf die Familie. Da bleibt vieles im Vagen, Undeutlichen. Oder der Konflikt zwischen Diana und ihrem Vater ist zwar da, man erahnt ihn auch, aber ich hatte das Gefühl, daß der eigentlich an keiner Stelle des Buches richtig schlüssig begründet wird. Gut, es ist schon klar, was gemeint ist, aber mir zu wenig deutlich ausgeführt, als ob ein bißchen der Mantel des Schweigens darüber gebreitet werden sollte. (Schwer für mich, das besser zu beschreiben).

Allerdings, eines sei ganz offen geschrieben: vor allem im ersten Teil sollte man nicht zu prüde oder moralisch engstirnig sein. Diana hat zwei Verhältnisse parallel: mit ihrem Verlobten und mit Harry. Mit beiden geht sie ins Bett. Und im Gegensatz etwa zum Film wird nicht vor der Schlafzimmertür abgeblendet, sondern man erfährt durchaus auch, was im Schlafzimmer (oder auch woanders) so zwischen Mann und Frau passiert. Wenn es für diese Szenen eine Altersfreigabe gäbe, würde ich „ab 16“ für angebracht halten. Stilistisch fand ich an diesen Bettszenen jedoch nichts auszusetzen: das war nichts anstößig, zwar teilweise recht ... detailreich, aber nie abstoßend oder wie einem Anatomiebuch entnommen geschrieben.

Andererseits gibt es immer wieder geradezu köstliche Stellen. Beispielsweise ist es sehr amüsant zu lesen, wie etwa die Familie Traynor (Philipps Familie) mit Würde und Stil in Depression versinkt. Oder warum Dianas Vater nicht wollte, daß eine seiner Töchter, wie es sich eigentlich für eine gut katholische Familie gehören würde, Nonne würde. Dergleichen Stellen, die das Buch lesenswert machen, gibt es zahlreiche. Oder die Beschreibung der Lobbyarbeit - immerhin spielt das Buch in Washington D.C. - während des festlichen Ereignisses, zu dem Philipp Diana mitgeschleppt hat. Ich vermute, nein eher fürchte ich, daß das ziemlich zutreffend so ist. Auch in anderen Ländern, wie etwa Deutschland.

Besonders erwähnen möchte ich die Übersetzung, die mir sehr gelungen erscheint. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, eine Übersetzung zu lesen; das hätte durchaus ein original deutschsprachiger Text sein können.

Wenn man es genau nimmt, passiert nicht sehr viel in dem Buch. Diana muß ihr Liebesleben auf die Reihe kriegen, was nicht immer einfach, zumal sie nicht immer die Handelnde, ist. Ihr schlecht laufender Laden, von dessen Ertrag sie leben will, bedarf auch einiger Pflege und Rundumerneuerung.

Andererseits ist das dann doch eine ganze Menge, bis sowohl die Beziehungsprobleme geklärt sind als auch ihr Second Hand Laden auf Kurs ist. Vom Verhältnis zu ihren Schwestern oder gar ihrem Vater ganz zu schweigen. Am Ende hat sie denn doch einiges dazugelernt, etwa wenn sie [ erstmals ihrem Vater gehörig Contra gibt, weil sie endlich in die Praxis realisiert hat, daß sie machen kann, was sie will, er wird sie nicht anerkennen. ]

Cate kommt an einer Stelle zu der Erkenntnis: Ich werde auf dieser Welt nie unbekümmert genug sein, um es darauf anzulegen, von Gott beim Glücklichsein ertappt zu werden. (Seite 300)

So gesehen, passiert dann doch einiges. Oder, wie Harry es ausdrücken würde: „Es gibt schlechtere Arten zu leben.“

 

Kurzfassung

Eine Frau zwischen zwei Männern, dazu ein Laden, der auf Vordermann gebracht werden muß. Eine mit bisweilen leichtem Augenzwinkern erzählte Leidens- und vor allem Liebesgeschichte.

 

Bibliographische Angaben meines Exemplares

Aus dem Amerikanischen von Birgit Moosmüller. 304 Seiten
Wilhelm Heyne Verlag, München 1999