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Unsere Leben wären sicher ganz anders verlaufen, wenn wir unseren Willen bekommen hätten anstatt Gott seinen. (Seite 408)

 

Cover: Bibliothek der TräumeZum Inhalt

Illinois 1936: Alice Ripley lebt in einer Traumwelt. Sie liebt es, in Büchern zu schwelgen und dem Happy End entgegenzufiebern. Doch ihr persönliches Glück rückt vollkommen unvermittelt in weite Ferne. Ihr Freund Gordon trennt sich von ihr, weil ihr angeblich jeder Realitätssinn fehle, und dann verliert sie auch noch ihre Anstellung in der örtlichen Bibliothek.
Alice flüchtet sich in die Berge Kentuckys. Eigentlich wollte sie in der Bücherei des winzigen Bergarbeiterdorfes Acorn eine Weile aushelfen, doch der Bibliotheksleiter ist ganz anders, als sie erwartet hat. Und so will Alice nur noch weg. Zumal sie sich als „Bücherbotin“ nützlich machen soll, die allein in die entlegensten Gegenden reitet, um Menschen mit Lesefutter zu versorgen. Doch Alice sitzt in Acorn fest, hat keine Chance, diesem Albtraum zu entkommen. Und bald muß sie feststellen, daß die Abenteuer, die das wahre Leben schreibt, tausendmal besser sind als die, die sie sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hatte.

 

Kommentar / Meine Meinung

Von Lynn Austin besitze ich mW alle auf Deutsch erschienenen Bücher. Dieses hier ist das erste, das ich mir auch im amerikanischen Original zulegen werde. „Die Apfelpflückerin“ ist von allen ihrer Bücher, die ich gelesen habe, sicherlich ihr bestes. Aber das hier ist mir das Liebste, das, welches mir persönlich am besten gefallen hat. Denn selbst von tausenden von Büchern umgeben, konnte ich der Denk- und Handlungsweise der Protagonistin mehr folgen, als mir an mancher Stelle liebt war. Und woher Lynn Austin mich so gut kennt, daß ich mich immer wieder in dem Buch wiedergefunden habe, ist mir auch nicht so ganz klar. Sind wir uns doch nie persönlich begegnet.

Dabei fängt alles so harmlos an, wenn man denn das Ende einer Beziehung als harmlos bezeichnen möchte. Als Alice dann in den Bergen von Kentucky eintrifft und beginnt, sich einzuleben, gab es einen kleinen Wiedererkennungseffekt. Denn das Motiv „Städterin kommt in die Einsamkeit der Berge und findet dort Gefallen“ kannte ich (allerdings nur aus der Verfilmung) von Catherine Marshalls „Christy“ (was allerdings etliche Jahre früher spielt). Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf, denn Christy kommt als Lehrerin in eine Missionsstation, während Alice mit einer Ladung gespendeter Bücher in einem Nest namens Acorn eintrifft, um diese dort abzuliefern, ein paar Tage auszuhelfen und dann wieder ins Elternhaus nach Illinois zurückzukehren. Doch es kommt ganz anders.

Denn weder wird sie nach zwei Wochen wieder abgeholt, noch hat sie damit gerechnet, einer rund hundertjährigen zu begegnen, die in ihrer Jugend noch eine Sklavin war. Schon gar nicht darauf vorbereitet war sie auf eine Welt, in der es keinen Strom oder kein fließendes Wasser, dafür aber Pferde zur Fortbewegung gab. Da der Bibliothekar Mack jedoch angeschossen wird und sich erst mal tot stellen, also verstecken, muß, bleibt Alice gar nichts anderes übrig, als einzuspringen und - teilweise gegen ihren Willen - zu helfen. Das fängt bei der Hausarbeit an, schließt die Führung der kleinen Bibliothek ein und endet nicht bei ihrer Tätigkeit als berittene Bücherbotin, die auf ihren Touren zu den vereinzelten Behausungen den Menschen Bücher bringt, den Kindern Geschichten vorliest und als Nachrichtenübermittlerin dient.

Diese Bücherbotinnen gab es übrigens wirklich. Im 1933 ins Leben gerufenen „New Deal“-Programm von Präsident Franklin Roosevelt war einer der innovativsten Punkte die Erfindung eben jener Bücherboten, die den Menschen nicht nur Bücher, sondern auch sonstige Hilfe im Haushalt, Wissen über Ernährung, praktischen Rat zu Gesundheitsfragen u. v. m. brachten. Meist waren es Frauen, die so in Zeiten der Wirtschaftskrise zum überleben ihrer Familien beitrugen.

Interessant für mich war der krasse Gegensatz zwischen Stadt und Land. Ob es tatsächlich damals schon elektrische Waschmaschinen gab, habe ich erst mal gegoogelt. Und in der Tat, in Alices Elternhaus könnten all die Dinge, die sie in der Wildnis vermißt, wirklich vorhanden gewesen sein. (Ich erinnere mich daran, wie wir in den 60ern unserer erste Waschmaschine bekamen, vorher hieß es „Waschkkessel anheizen“. Auch an so Dinge wie die Wäsche stampfen entsinne ich mich schwach.) Ihr Zurechtfinden in dieser für sie fremden Welt konnte ich gut nachvollziehen, ihre Probleme, Ängste und Schwierigkeiten wurden deutlich.

Ein starke Figur ist die rund hundertjährige Lillie, die in ihrer Jugend noch eine Sklavin war und durch den Bürgerkrieg ihre Freiheit bekam. Nach und nach kommt zum Vorschein, was sie in ihrem langen Leben alles hat erleiden müssen, bis sie zu der altersweisen Frau wurde, die wir hier antreffen. Und die durchaus auch mal ein Gewehr benutzt, um ihren Wünschen Nachdruck zu verleihen.

Daneben gibt es eine Art Krimihandlung (der erwähnte Schuß auf Mack hat es schon anklingen lassen), in die Alice hineingezogen wird. Ich will darüber nicht zu viel verraten, nur, daß mir das - leider - sehr wahrscheinlich erscheint und zu dem wenigen, was ich über diese Zeit weiß, paßt.

Alice, Mack, Lillie, June Anne, Maggie, Ike und viele mehr - es tauchen eine Menge Figuren auf, die ich wohl so schnell nicht vergessen werde. Zumal ich mir aus der genannten TV-Serie über „Christy“ recht deutlich vorstellen kann, wie die beschriebenen Hütten aussahen und wie hart das Leben damals war. Am Ende ist zwar alles klar, alle offenen Enden verknüpft, aber so ein paar Hinweise, etwa in Form eines Epilogs "ein Jahr später", was beispielsweise aus der „Krimihandlung“ (bzw. für die Schuldigen) folgt, hätte ich mir doch gewünscht. Das ist allerdings der einzige wirkliche Kritikpunkt, der mir einfällt.

Ansonsten ist das, soweit ich mich erinnere, das erste Lynn Austin Buch, bei dem ich immer wieder lächeln, grinsen und mehr als ein Mal laut auflachen mußte. Das Buch ist mit einem unterschwelligen Humor geschrieben, wie er mir noch bei keinem der Bücher der Autorin begegnet ist. Das Thema Religion spielt vor allem im letzten Drittel eine Rolle; immerhin stammt Alice aus einer Pastorenfamlie. Und dennoch ist es immer wieder die alte Lillie mit ihrer reichen Erfahrung, die nicht nur Alice zum Nachdenken bringt, sondern auch uns Lesern eine Menge zu sagen hat.

Und gerade sie, die hundertjährige kleine alte Frau, die so viel Schlimmes in ihrem Leben erleiden und erdulden mußte, so viel verloren und nur wenig gewonnen hat, gerade sie hat mich immer wieder mit ihrer Weisheit, ihrer Güte, ihrem praktischen Sinn, aber auch ihrer tiefen gesunden Religiosität überrascht, und so bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Ihre Erklärung zum Thema "Gott oder dem Mammon dienen" ließen das in einem ganz neuen, aktuellen und modernen Licht erscheinen, wie ich es so klar formuliert noch nirgend gefunden habe. Oder ihre Antworten zur Problematik, weshalb es so viel Schlimmes auf Erden gibt, weshalb auch gläubige Menschen so viel Leid erdulden müssen. Absolut beeindruckend, wie einfach, aber doch klar und durchdacht sie darauf eine Antwort gibt.

Ein weiterer Aspekt soll nicht unerwähnt bleiben, Alice spricht immer wieder von den Büchern, die sie gelesen hat, von den Traumwelten, in die sie sich geflüchtet hat, und was in ihren Büchern jetzt in dieser Situation passieren würde. Wir lesen ein Buch und die Protagonistin sinnt darüber nach, was wohl wäre, wenn das jetzt ein Buch und nicht das richtige Leben wäre. Denn das „Leben in Büchern“ ist mir, der vermutlich so viele Bücher besitzt, wie in der Bibliothek von Acorn vorhanden sind, mehr geläufig, als ich mir das bewußt gemacht habe. Und das dürfte wohl manchem anderen Bibliophilen sehr ähnlich ergehen. Insofern beinhaltet das Buch ein „sich-an-die-eigene-Nase-fassen“, das ins Gedächtnis Rufen, daß es außerhalb der eigenen Bibliothek auch noch so etwas wie das richtige Leben gibt.

Am Ende dann schließt sich der Kreis, die Fäden sind verknüpft, und das Buch leider, leider zu Ende. Ich dafür um ein wirklich schönes Leseerlebnis reicher.

Möge der Herr seine Engel um Dich stellen. (Seite 12, „Die Apfelpflückerin“). Manchmal aber stellt der Herr seine Engel an anderen Stellen, und in anderer Form, auf, als wir sie erwarten. Wenn es sein muß, auch mitten in den einsamen Bergen von Kentucky. Oder wo immer wir uns gerade befinden.

 

Kurzfassung

Alice Ripley wird aus ihrer Büchertraumwelt herausgerissen und landet in den einsamen Bergen von Kentucky. Hier lernt sie auf manchmal lustige, manchmal traurige, manchmal spannende Weise, daß das reale Leben viel abenteuerlicher sein kann als das abenteuerlichste Buch. Sehr lesenswert.

 

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Bibliographische Angaben

427 Seiten, kartoniert Originaltitel: Wonderland Creek Aus dem Amerikanischen von Dorothee Dziewas Verlag: Verlag der Francke Buchhandlung GmbH, Marburg 2012
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