Wir begeben uns auf eine Reise unter der alleinigen Leitung eines Vorstellungsvermögens, dessen Konzepte so gewagt sind, dass sie schrillste Science Fiction als banal erscheinen lassen. (Seite 32)
Keine Kultur kann existieren ohne eine Erzählung von den Ursprüngen. Der italienische Teilchenphysiker und Bestsellerautor Guido Tonelli erzählt in "Genesis" die große Geschichte von der Entstehung unseres Universums, angefangen vom Big Bang und den allerersten Augenblicken danach bis zu unserem Sonnensystem. Sein Buch ist der meisterhafte Versuch, aus dem Wissen der heutigen Astrophysik heraus eine Erzählung von den Ursprüngen zu entwickeln, die nie die Grenzen der Wissenschaft verlässt, sich aber an den großen Mythen messen lassen kann.
Meine Meinung
Alleine schon durch den Titel ist mir das Buch aufgefallen, scheint es sich doch an den Schöpfungsbericht der Bibel anzulehnen - dazu noch die Einteilung in sieben Tage vom Anbeginn bis heute. Aber damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten weithin, denn hier geht es nicht um eine mythische Erzählung über die Anfänge von Raum und Zeit, sondern Tonelli gibt als Grundmotiv die Frage an, die wohl viele Menschen beschäftigt: „Woher kommt das alles?“ (S. 18) Eine Frage, die vermutlich so alt ist, wie die Menschheit selbst. Ob sie jemals vollständig beantwortet werden wird, sei dahingestellt. Tonelli erzählt jedenfalls die Geschichte des Universums vom Urknall bis „heute“ in der Sprache des modernen, wissenschaftsgläubigen Menschen - und für die Menschen unserer Tage.
Eingeteilt in Kapitel = 7 Tage beschreibt der Autor den Werdegang des Universums. Dabei fängt er wirklich am Anfang an. Als es nichts gab als ein Vakuum. In dem irgendwann vor etwa 13,8 Milliarden Jahren etwas passierte, das „unser“ Universum zur Folge hatte. Davon ausgehend beschreibt Tonelli die ganze seitherige Entwicklung zu dem uns heute bekannte Universum, in dem in irgendeiner unwesentlichen Galaxie ein Planet existiert, der von seinen Bewohnern „Erde“ genannt wird.
Immer wieder zieht er erstaunliche Parallelen zu Schöpfungsmythen, ohne jemals seine wissenschaftliche Basis und Denkweise zu verlassen. Es sei zugegeben, daß ich, da ich von vielem zum ersten Mal las, an manchen Stellen doch Mühe hatte, den Ausführungen zu folgen. Teilchenphysik ist halt doch sehr anders als alles, was man aus dem „normalen“ Leben gewohnt ist. Bei der durchaus schwierigen Thematik kommt dem Autor jedoch seine überaus flüssige und gute Erzählweise zuhilfe, so daß man seinen Erklärungen auch als „blutiger Laie“ folgen kann.
Im letzten Kapitel setzt er sich damit auseinander, „Was uns zu Menschen macht“ und warum große Erzählungen (wie zum Beispiel Schöpfungsmythen) für die Menschheit so wichtig sind. Im Epilog schließlich erläutert er, wie er auf den Titel dieses Buches kam. Weshalb nicht nur die Menschen in biblischen Zeiten, sondern auch wir „unsere“ Genesis - unsere Erzählung von den Anfängen - lebensnotwendig brauchen.
Mein Fazit
So, wie das biblische Buch Genesis die Erschaffung der Welt in sieben Tage einteilt, so berichtet Guido Tonelli hier streng wissenschaftlich von der Entstehung des Universums, indem er die einzelnen Phasen in sieben Tage unterteilt. Eine Genesis in der Sprache unserer Zeit.
Über den Autor (Verlagsangabe)
Guido Tonelli ist experimenteller Physiker am CERN in Genf und war in leitender Stellung 2012 an der Entdeckung des Higgs-Bosons beteiligt. Er hat bereits mehrere erfolgreiche populärwissenschaftliche Sachbücher veröffentlicht.
Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe
219 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Originaltitel: Genesi. Il grande racconto delle origini. Aus dem Italienischen von Enrico Heinemann
Verlag: C. H. Beck oHG, München 2020; ISBN 978-3-406-74972-8
