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Wie Vergebung Tragödien überwindet.

 

Cover: Die Gnade der AmishZum Inhalt

Es beginnt mit einem schrecklichen Verbrechen. Ein Mann dringt in eine Schule ein und tötet fünf Mädchen zwischen sechs und dreizehn Jahren und schließlich sich selbst. Die Mädchen waren Amish.
Die Autoren haben kein Buch geschrieben, das von der Bestrafung des Täters oder seinen Motiven handelt. Es geht darum, wie die Amish mit Tat und Täter umgingen. Sie vergeben dem Mann öffentlich, besuchen seine Beerdigung und laden seine Witwe zum Begräbnis ihrer Kinder ein. Außergewöhnlich? Nicht für die Amish. Die Autoren zeigen, wie wichtig Vergebung für die Amish ist, sie zeigen, daß die Reaktion auf das Massaker Regel und nicht Ausnahme war. So beschreibt das Buch eine Kultur uns nah und doch fremd, eine Kultur, die wir belächeln, obwohl sie und nicht wir, es schafft, mit Vergebung die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.

 

 

Vergebung ist ein Konzept, das jeder versteht - bis er gebeten wird, es zu definieren. (Seite 158)

 

Kommentar / Meine Meinung

Natürlich sind die Amish nicht auf eine Katastrophe solchen Ausmaßes vorbereitet. Es sei denn, sie sind es.

In diesem Paradox (formuliert nach Seite 28) läßt sich die Quintessenz des Buches zusammenfassen. Niemand ist darauf vorbereitet, sein Kind morgens zur Schule zu schicken und mittags im Leichenwagen abzuholen. Daß die Amish es dennoch waren, liegt tief in ihrer jahrhundertealten Tradition begründet.

“Ich bin wütend auf Gott uns muss ein paar christliche Mädchen bestrafen, um mit ihm abzurechnen.“ (Seite 41). Dies hat der Attentäter Charles Carl Roberts IV über sein Motiv ausgesagt. Er war „wütend auf Gott“, weil vor neun Jahren sein Baby gestorben war.

Eine Familie verlor zwei Töchter. Die achtjährige Mary Liz, die zum Christiana Hospital gebracht worden war, starb kurz vor Mitternacht in den Armen ihrer Mutter. Ihre Eltern wurden dann elf Kilometer nach Nordwesten zum Hershey Medical Center gefahren. Dort starb Lena, die Schwester von Mary Liz, ebenfalls in den Armen ihrer Mutter. (Seite 44).

Bereits wenige Stunden nach den schrecklichen Ereignissen gewährten die Amish Vergebung - dem Mörder wie seiner Familie, die ganz in der Nähe wohnte. Kein Ruf nach Rache oder Vergeltung. Keine juristischen Spitzfindigkeiten, keine Prozesse wegen Schadenersatz. Wie ist so etwas möglich? Ist so etwas überhaupt möglich? “Vergebung bedeutet, dein Recht auf Vergeltung aufzugeben.“ (Seite 146) So drückte es der Vater eines der ermordeten Mädchen aus.

Nach der Beschreibung des Tatherganges widmen sich die Autoren diesen Fragen, und beantworten sie im Laufe des Buches. Ausgewiesene Kenner der Amish, die sie sind, hatten sie entsprechendes Vorwissen, was die Tradition und Verhaltensweisen der Amish betrifft. Für dieses Buch haben sie viele Interviews mit direkt Betroffenen geführt und sich mit der Thematik „Vergebung“ intensiv auseinandergesetzt. Natürlich gab es sehr bald die Meinungsäußerungen von „Experten“ und Psychologen, von einigen Medien ganz zu schweigen, die darauf hinweisen, daß durch zu schnelle Vergebung das erlittene Trauma nicht verarbeitet würde und seelischer Schaden entstünde. Aber haben die wirklich recht?

Im Laufe des Buches legen die Autoren sehr überzeugend dar, daß diese „Experten“ so nicht recht haben. Seit dem Entstehen der Täufer (zu denen die Amish gehören), werden diese überall auf der Welt verfolgt. Von kirchlicher (protestantischer wie katholischer) wie auch staatlicher Seite. Mit unzähligen Todesopfern. So gibt es eine lange Tradition des Martyrertums, die bis in unsere Tage reicht. Die Amish wachsen mit den Geschichten ihrer Martyrer auf, und dem „Konzept“ der Vergebung als integralem Bestandteil ihres Lebens und ihrer Kultur. Denn sie sind der Überzeugung, daß nur dann, wenn sie selbst vergeben, auch ihnen (von Gott) vergeben wird. Im Laufe des Buches wird diese Grundüberzeugung sehr deutlich aus der Geschichte und dem Glauben der Amish herausgearbeitet und beschrieben.

Dabei holen die Autoren ausreichend weit aus, um diese Verhaltensweise nachvollziehbar und verständlich zu machen (so man diese Menschen überhaupt verstehen will). Dabei entsteht ein durchaus differenziertes Bild dieser so ganz anderen Kultur, in der auch die Schattenseiten offen angesprochen werden - auch von Amish selbst.

Was wir sowohl von den Geschehnissen in Nickel Mines als auch ganz allgemein von den Amish lernen können, ist, dass die Art und Weise, wie wir mit Katastrophen umgehen, kulturell bestimmt wird (Seite 225). Die Kultur der Amish beinhaltet als integralen Bestandteil u. a. die Vergebung. Und unsere?

Was bleibt, ist ein tief sitzender Stachel im Fleisch unserer Gesellschaft. Einer, der überdeutlich darauf hinweist, daß unsere Art zu Leben und zu Denken nicht die einzig mögliche, die einzig wahre ist. Daß es sehr wohl einen Gegenentwurf gibt. Einen Gegenentwurf, der zur Bestimmung der eigenen Position zwingt, indem er diese radikal infrage stellt. Es ist an jedem Einzelnen, auf diese Frage eine Antwort zu finden.

Doch die Entscheidung liegt bei uns, wie wir uns an etwas erinnern wollen, was wir nicht vergessen können. (Seite 226)

 

Mein Fazit

Wie gehen Amish Familien, die Amish Gemeinschaft mit den Folgen eines Massakers an Schulkindern um? Am Fall der Morde vom 2. Oktober 2006 sowie der darauf folgenden Vergebung stellen die Autoren umfassend das Modell der Amish vor, mit dem sie diese Tragödie bewältigt und überwunden haben. Ein Gegenentwurf zu Rache und Vergeltung.

 

Bibliographische Angaben

Aus dem Amerikanischen von Gislinde Müller.
256 Seiten, Softcover, mit einem Anhang "Die Amish von Nordamerika", VCH Wiley Verlag, Weinheim 2009