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Welch eine furchtbare Sache doch das Leben ist, nicht wahr? (S. 584, Lara)

 

Cover: Doktor SchiwagoZum Inhalt

Jurij Schiwago wächst noch im zaristischen Rußland auf, wird Arzt und heiratet seine Jugendliebe Tonja. Während des Krieges trifft er Lara, der er früher mehrfach begegnet ist, wieder, die als Krankenschwester arbeitet. Zurück in Moskau muß die Familie Schiwago fliehen und reist in den Ural nach Warykino.
In der nahegelegenen Stadt Jurjatino begegnet er plötzlich Lara wieder und beginnt eine Beziehung mit ihr. Doch die Revolution ist in vollem Gange, das sind keine Zeiten für ein normales Leben. Und so nimmt das Schicksal denn seinen unerbittlichen Lauf.  

 

 

Kommentar / Meine Meinung

Lange hat es gedauert, bis Pasternak mich eingefangen hatte; einen weiten (Lese-) Weg mußte ich gehen, bis ich mir meiner Meinung über das Buch sicher war. Ein Weg, der mir manchmal so lang und endlos erschien wie der, den Jurij Schiwago zurücklegen muß, bis er endlich am Ziel ankommt.

So richtig bekannt wurde das Werk vermutlich durch die Verfilmung mit Omar Sharif in der Titelrolle. Ich gebe zu, daß ich die kenne und erst ein kürzliches neuerliches Ansehen hat mich veranlaßt, endlich auch zur Buchvorlage zu greifen. Dadurch wußte ich zwar, wie die Liebesgeschichten um Jurij Schiwago, Tonja und Lara ausgehen, das hat dem Buch aber nichts von seiner Faszination und Spannung genommen, eher im Gegenteil. So konnte ich mich eher auf den viel weiter gespannten Handlungsbogen des Buches einlassen, stand nicht unter dem Zwang, schnell weiterlesen zu müssen, um zu erfahren, wie es weitergeht.

Denn, man ahnt es, das Buch holt viel weiter aus als der Film. Sind dort vor allem die Liebesgeschichten das Thema, so sind diese hier eingewoben in die Zeitläufte. Wir treffen zum ersten Mal auf die Hauptdarsteller, als diese noch Kinder sind und begleiten die meisten - mit Unterbrechungen - bis hin zu ihrem Ende, soweit es im Buch erwähnt wird. Das zaristische Rußland, die Revolution von 1905, der erste Weltkrieg, schließlich die Oktoberrevolution und ihre Folgen formen den Rahmen, in den die Handlung eingespannt ist.

Vor meinem inneren Auge lief ein Film ab, der all diese Ereignisse und das Leben der Protagonisten zum Inhalt hatte und mir teilweise das Gefühl vermittelte, direkt dabei zu sein. Die Lebensläufe vieler Figuren sind miteinander verwoben. Immer wieder treffen sie sich, manchmal ohne zu wissen, wer der andere ist, und geben beim Lesen so eine Ahnung vom Schicksal. Dabei mag die schiere Anzahl des „Personals“ manchmal verwirren, gibt jedoch gleichzeitig eine gute Vorstellung davon, wie verwirrend die Zeiten für die damals Lebenden gewesen sein müssen.

Nachdem die Revolution erst einmal begonnen hatte, war nur noch eines sicher: alles ist unsicher. Die Herrschaft (Rot / Weiß) wechselte, und je nach dem, wer gerade dran war, mußte man sehen, wie man durchkam. Die erste Zeit des Buches habe ich mich des öfteren gefragt, weshalb das seinerzeit in der UdSSR nicht erscheinen durfte, bis es, je weiter die Handlung fortschritt, mehr und mehr verständlich wurde. Erst versteckt, dann immer offener findet man Stellen, die sich als Kritik am System, an der Herrschaft der Bolschewiken verstehen lassen. Vor allem gegen Ende werden einige Mißstände überdeutlich angesprochen.

Hier, wie schon in Scholochws „Der stille Don“, hatte ich über weite Strecken das Gefühl einer gewissen Distanz zu Figuren und Handlung, als ob ich als unbeteiligter Dritter zuschauen würde. Da es sich nicht vermeiden läßt, daß Grausamkeiten vorkommen (wenngleich für meine Begriffe sehr zurückhaltend beschrieben), war ich da durchaus dankbar dafür. Aber je mehr sich das Buch dem Ende näherte, um so mehr wich diese Distanz, um schließlich eine so große Nähe zu erreichen, daß ich mich mitten drin dabei wähnte, das Buch letztlich tief bewegt beendete.

Am Ende angekommen wußte ich auch, weshalb so viele, die das Buch gelesen haben, sagen bzw. empfehlen, es mehrfach zu lesen. Denn es steckt so viel darinnen, wie sich beim ersten Kennenlernen nicht erkennen und verarbeiten läßt. Oder anders ausgedrückt, angelehnt an „zwei altgewordene Freunde“ (S. 608): Das Buch, das ich in den Händen halte, weiß das alles und gibt den Empfindungen Bestätigung und Sicherheit.

Möge es viele Leser finden.  

 

Kurzfassung

Ein beeindruckender Roman über Leben und Schicksal in schweren Zeiten.  

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Über den Autor

Boris Leonidowitsch Pasternak wurde am 10. Februar 1890 in Moskau geboren. Er war u. a. als Übersetzer tätig, da seine Poesie zur damaligen Zeit nicht erscheinen durfte. Für seinen Roman „Doktor Schiwago“ erhielt er 1958 den Nobelpreis für Literatur, den er jedoch nicht annehmen durfte.
Pasternak starb am 30. Mai 1960 in Peredelkino und ist dort begraben.  

 

Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe

640 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag.
Originaltitel: Doktor Schiwago. Aus dem Russischen von Reinhold von Walter, Gedichte übertragen von Rolf-Dietrich Keil
Verlag: Bertelsmann Club, ohne Jahr