Als die Gäste auf die beiden weißen Gestalten blickten, die wie wunderschöne Statuen aussahen, verstanden sie, daß mit ihnen das untergegangen war, was ihre Zeit noch an Großem besaß: Poesie und Schönheit. (Seite 633)
Marcus Vinicius, ein römischer Patrizier, lernt bei einer bekannten Familie die Geisel Lygia, die Christin ist, kennen und entbrennt sofort für sie. Durch eine Intrige seines Freundes Petronius soll diese in sein Haus gebracht werden, doch ihr treuer Diener Ursus verhindert dies. Als man sich nach einigen Wirren dennoch näher kommt, brennt Rom - und Nero macht die Christen dafür verantwortlich. Ein grausames „Spiel“ um Leben und Tod mit ungewissem Ausgang nimmt seinen Lauf.
Meine Meinung
Eine ganze Weile ist es nun schon her, daß ich das Buch beendet habe und immer noch nicht so recht weiß, was ich schreiben soll. Dies hat normalerweise einen von zwei Gründen: entweder hat mir ein Buch wenig bis nicht gefallen und ich überlege, ob ich überhaupt etwas schreiben soll. Oder es hat mir so gut gefallen, daß es mich quasi sprachlos zurückgelassen hat und ich auf der Suche nach Worten bin, meinen Leseeindruck zu beschreiben. Bei diesem Buch ist ganz eindeutig das Letztere der Fall.
Mit verfilmten Klassikern ist es so eine Sache - man sieht sich den Film an und glaubt, sie (die Werke) zu kennen. Doch wie gut kennt man diese dann - und wie oft liest man auch die literarische Vorlage? Den Film „Quo Vadis?“ habe ich in meinem Leben schon mehrfach gesehen - in der alten Verfilmung von 1951, aber auch als Serie (von 1985) oder in der polnischen Verfilmung von 2001, die nur in gekürzter Fassung erhältlich ist (bzw. war). So gut die einzelnen Adaptionen sind - nach der Lektüre des Buches kann ich sagen, daß sie an die Vorlage nicht im Mindesten heranreichen. Denn diese beinhaltet viel mehr als die reine Handlung.
Durch Lygia kommt Marcus Vinicius mit den Christen in Kontakt. Diese haben eine Lebensform, die sich fundamental von allem, was er bisher kennen gelernt hat, unterscheidet, und die er nicht verstehen kann - und auch nicht will. Er will ausschließlich Lygia gewinnen, egal wie, koste es, was es wolle, wobei ihm sein Gönner Petronius hilft. Doch das erweist sich als Bumerang, denn ohne dessen Eingreifen wäre Lygia möglicherweise niemals in Gefahr geraten. Aber Ereignisse, erst einmal in Gang gesetzt, entwickeln ihre eigene Dynamik, sind nicht mehr aufzuhalten und nur noch schwer zu beeinflussen.
Sienkiewicz entwirft ein lebendiges Bild von den Zuständen im Rom zur Zeit Kaiser Neros, vom Leben im Palast, von heidnischen Festen wie auch vom Leben der immer größer werdenden christlichen Gemeinde in Rom. Durch Marcus und Petronius lernen wir das offizielle Rom kennen, durch Lygia das so ganz andere Leben der ersten Christen. Diese haben sich nicht an den seinerzeitigen Zeitgeist angepaßt, sondern leben konsequent nach der Lehre Jesu, wie sie von den Aposteln verkündet wurde - auch und gerade dann, wenn sie dadurch in Konflikt mit Rom geraten.
Ausführlich schildert der Autor sowohl das „offizielle“ römische Leben als auch das der Christen, so daß man sich als Leser mitten hineinversetzt fühlt und unwillkürlich vor der Frage steht, wie man sich in solcher Situation wohl selbst verhalten hätte. Ich habe beim Lesen den ungeheuren Mut der ersten Christen und die Konsequenz, mit der sie für ihren Glauben bis in den Tod einstanden, bewundert und mich gefragt, wie ich in jener Zeit wohl reagiert hätte. Für uns Heutige ist Religionsfreiheit eine Selbstverständlichkeit - damals war es das mitnichten, wie hier sehr deutlich aufgezeigt wird.
Sienkiewicz hat ein Buch geschrieben, das das pralle Leben schildert - in Freud wie in Leid, im Leben wie im Tod. Er zeigt dabei eine Sprachmächtigkeit, die mich ungemein beeindruckt hat. Er braucht manches Mal nur ein einziges Wort, um einen schlimmen Vorgang zu beschreiben. Ohne, daß er auch nur ansatzweise in Details geht, weiß man doch genau, was gemeint ist. Und man sollte sich vergegenwärtigen, daß es zwangsweise eine Menge schlimmer Situationen gibt - Stichwort die Christenverfolgung unter Kaiser Nero nach dem großen Brand von Rom, für den die Christen verantwortlich gemacht wurden.
Im Gegensatz dazu die Szenen mit dem Apostel Petrus und seinen Predigten; die hat der Autor sicher erfunden, aber wenn man sich die Sache näher überlegt, könnte Petrus genau so gesprochen haben. Diese Szenen zählten für mich mit zu den beeindruckendsten im ganzen Buch. Wenn er anhebt „Ich sah mit eigenen Augen…“ und dann von dem berichtet, wovon er Zeuge war. Auch wenn es „nur“ in einem Roman steht, sind dies überaus eindrucksvolle Passagen, die auch verdeutlichen, weshalb das Christentum seinerzeit einen solchen Aufschwung erlebt hat, trotz aller Widrigkeiten (vgl. z. B. die Predigt des Petrus ab Seite 481ff). Über kleine Fehler kann man da getrost hinwegsehen - etwa, daß davon gesprochen wird, daß das Kreuz als Erkennungs- oder Segenszeichen verwendet wurde. Zu den Zeiten, da die Menschen noch Kreuzigungen aus eigener Anschauung kannten, wurde das Kreuz eher vermieden; als Erkennungszeichen kam ausschließlich der Fisch (was auch im Roman immer wieder vorkommt) zur Anwendung.
Und noch etwas arbeitet der Autor gut heraus: schon damals gab es Fanatiker, die die Lehre Jesu falsch interpretierten und nicht zum Heil, sondern eher zum Verderben der Menschen umdeuteten. Hier im Buch ist dies Crispus, der diese Rolle unheilsschwanger ausfüllt. Und wiederum ist es Petrus, der ihm entgegentritt - mit Worten, die er vermutlich genau so gesagt hätte, hätte es damals jemanden wie Crispus gegeben.
Als die Geschichte nach über sechshundert Seiten im Epilog langsam ausklang hatte ich das Gefühl, mitten drin dabei gewesen zu sein. Ich hatte Nero erlebt, war im Hause des Petronius zu Gast und war Zeuge, wie sich die Beziehung zwischen Lygia und Marcus entwickelte bis hin zu jenem furchtbaren Sturm, der als Neronische Christenverfolgung nach dem großen Brand von Rom in die Geschichtsbücher einging. Erschöpft, zufrieden, innerlich ruhig, ausgeglichen - das sind einige Begriffe, die annähernd beschreiben, in welchem Zustand ich den Roman beendet habe.
Die Erzählung selbst endet mit dem Hinweis, daß in der Nähe der früheren Porta Capena noch immer eine kleine Kapelle mit einer Inschrift stünde. Ob das wohl dichterische Freiheit oder Wahrheit war? Doch egal, was von beidem zutrifft: die Frage der Inschrift bleibt die selbe, damals wie heute: Quo vadis, Domine?
Mein Fazit
Ein grandioser Roman über das alte Rom und die erste Christengemeinde dortselbst, absolut lesenswert.
Über den Autor
Henryk Sienkiewicz wurde 1846 im (damals) russischen Teil Polnens geboren. Er studierte Geschichte und Literatur und war danach zunächst als Hauslehrer tätig. Ab 1872 begann er zu schreiben, ab Mai 1883 begann (als Fortsetzungsroman) sein historischer Roman „Mit Feuer und Schwert“ zu erscheinen, der ihn bekannt machte. Weltberühmt wurde er durch seinen 1896 erschienenen Roman „Quo Vadis?“, für den er 1905 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Sienkiewicz war drei Mal verheiratet und starb 1916.
Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe
672 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Originaltitel: Quo Vadis?
Aus dem Polnischen auf der Grundlage der Übertragung von J. Bolinski neu erarbeitet von Marga und Roland Erb. Mit Nachwort, Zeittafel und Glossar von Schamma Schahadat
Verlag: Artemis & Winkler, Düsseldorf und Zürich 2000; ISBN-10: 3-538-06854-2; ISBN-13: 978-3-538-06854-4

