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“Die Geheimnisse werden dereinst verloren sein, das Wissen vergeht. Atlantis wird zur Legende, es bleiben eine überlieferte Sage von Ruhm und Größe und eine Warnung an jene, die sich Kräfte zu Eigen machen wollen, die nicht für Menschen bestimmt sind.“ (Seite 587)

 

Cover: Die Ahnen von AvalonZum Inhalt

Atlantis ist dem Untergang geweiht, Tiriki und Micail ist es prophezeit, in einem neuen Land den Tempel wieder aufzurichten. Bei der Flucht aus dem Inferno werden sie getrennt. In einer neuen Heimat angekommen vermeint jeder, der andere habe nicht überlebt.
Micail ist in der Gruppe von Prinz Tjalan in Britannien angekommen. Dieser will sein untergegangenes Reich hier wieder erstehen lassen, zur Not auch mit Gewaltanwendung. Tiriki und ihre Gruppe wiederum verschlägt es in die Sümpfe, wo sie von den Einheimischen freundlich aufgenommen werden. Im Laufe der Zeit passen sie sich an die veränderten Verhältnisse an.
Aber unweigerlich wird es zum Zusammenstoß der beiden Gruppen kommen, denn die Machtgelüste Tjalans und seiner Priester sind unersättlich.

 

Kommentar / Meine Meinung

„Die Ahnen von Avalon“ schließen, einige Jahre später, nahtlos an die Begebnisse aus „Das Licht von Atlantis“ an. Die Anzeichen für den Untergang von Atlantis werden immer deutlicher, und schließlich läßt es sich nicht mehr leugnen: die Zeit ist da. So gut man eine Evakuierung auch planen kann, letztlich verläuft es doch anders. Die Flüchtlingsgruppen werden getrennt, kaum eine Familie kommt zusammen auf ein Schiff, es heißt für immer Abschied nehmen von einigen vertrauten Gestalten.

Tiriki und Micail überleben, besagt doch die alte Prophezeiung, daß sie beide einen neuen Tempel in einem fremden Land begründen werden. Nur wann das sein wird, sagt die Kunde nicht. Sie werden getrennt, jeder glaubt, der andere habe die Flucht nicht überlebt, und muß nun sehen, wie er/sie mit dem Schicksal fertig wird; müßig zu erwähnen, daß bei Marion Zimmer Bradley (MZB) die Frauen die starken Gestalten sind. Micail ist schwer krank, verfällt in eine Art Apathie und trauert seiner verlorenen Gattin nach. Lange wird es dauern, bis er daraus erwacht. Und fraglich wird der Anlaß sein, der ihm die Lebensgeister zurück gibt.

Tiriki landet mit ihrem Schiff an einer anderen Stelle, wo sie von den „Eingeborenen“ freundlich empfangen werden. Diese haben selbst wenig zum Leben, teilen aber dennoch mit den Ankömmlingen. Während in Belsairath Prinz Tjalan und die Seinen deutlich Distanz zu den Einheimischen halten, nimmt Tiriki, unterstützt von dem weisen Chedan, mehr und mehr die Lebensform der Ureinwohner an. Erinnern wir uns kurz: im „Licht von Atlantis“ wurde sie, noch im Mutterleib, von Domaris und Deoris der Großen Mutter geweiht. Hier nur erfüllt sich diese Weihe. Sie kommt in Verbindung mit den Alten Mächten dieses Landes, wird von diesen angenommen und willkommen geheißen, und wird mehr und mehr von einer Priesterin des Lichts zu einer von Caratra, der Großen Mutter.

So nimmt das Schicksal denn seinen Lauf. Tjalan träumt von der Neuerrichtung des atlantidischen Reiches (mit ihm als Kaiser natürlich), Micail in seinem Schmerz erkennt über lange Zeit nicht die wahren Absichten Tjalans und mißdeutet die Rolle, die ihm die Prophezeiung zuweist. Tiriki, mit Hilfe von Chedan, errichtet im Einklang mit den Kräften des Landes ein neues Heiligtum an einer Stelle, die uns über etliche Bücher und Jahrhunderte hindurch vertraut werden wird. Aber zunächst stehen sich beide Gruppen mehr oder weniger unversöhnlich gegenüber und irgendwann muß es zu einer letzten Konfrontation kommen.

Das Buch verzweigt in zwei Erzählstränge: einer bei Tiriki, der andere bei Micail. Nicht ganz leicht zu bewältigen, doch bereitete mir diese Trennung recht wenig Probleme. Meist zeigt ein neues Kapitel den Wechsel des Handlungsortes an, und auch, wenn es mitten im Kapitel wechselt, merkt man es recht schnell.

Darin besteht das Mysterium. Alle Götter sind ein Gott, und alle Göttinnen sind eine Göttin, und es gibt Einen, der alles in Gang setzt. (Seite 218) In einem Buch, in dem es viel um Magie und Tempel geht, viele der Protagonisten Priester sind, bleibt es nicht aus, daß religiöse Fragen immer wieder eine Rolle spielen. Die Vorliebe MZB’s für die heidnischen Religionen ist bekannt, desgleichen ihr starker Feminismus. Beides findet sich auch in diesem Buch. Andererseits kann man natürlich in einer Handlung, die über zweitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung spielt, keine christliche Kirche erwarten. Doch manche Dinge ändern sich nie. Würden die heutigen Menschen den oben zitierten Satz einer alten Priesterin aus Belsairath akzeptieren, würde so mancher Krieg nicht geführt, den Menschen so manches Leid und Schmerz erspart werden. Doch das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.

Ganz am Ende der „Nebel von Avalon“, wenn alles vorbei ist, kann man eine Ahnung erhaschen, daß eine Art Synthese des „alten“ und des „neuen“ Glaubens möglich ist / wäre. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Während in vielen Religionen und Gesellschaften ein „Patriarchat“ herrscht, redet MZB sehr deutlich dem „Matriarchat“ den Weg. Überspitzt gesagt, von einem Extrem ins Andere. Wir leben in einer dualen Welt. Vielleicht wäre ein Ausgleich, ein gleichberechtigtes Neben- und Miteinander der bessere, der richtige Weg. Nicht nur auf dem Papier, sondern in täglichen Leben, auf allen Ebenen. Ein Gedanke, der mir immer wieder kam, wenn es zu sehr in eine Richtung ausschlug. Doch auch das wird wohl für lange Zeit ein frommer Wunsch bleiben.

Das Buch wurde von Diana L. Paxson nach Aufzeichnungen von MZB sowie mit Hilfe von David (MZB’s Sohn) fertiggestellt; es ist schon etwas schwächer als die Originalwerke MZB's. Bisweilen erschienen mir die Figuren etwas blaß, farb- und konturlos, nur Andeutungen, wo genauere Beschreibungen wünschenswert gewesen wären. Vieles über den Charakter der Protagonisten muß man sich aus der Handlung „zusammensuchen“ bzw. daraus schließen, manchmal habe ich die Zeitsprünge nicht gleich bemerkt. Das hat mich allerdings nicht daran gehindert, das Buch jetzt zum dritten Mal zu lesen. Es ist eine Fortführung des „Lichts von Atlantis“ und erzählt die Gründung von Avalon. Die Brücke von einem mythischen Reich zum anderen ist geschlagen. Aus den Trümmern des einen entsteht das andere und führt das Erbe, wenn auch in veränderter Form, durch die Zeiten fort.

Am Ende habe ich das Buch wehmütig und etwas traurig geschlossen. Nicht nur umspannt die Handlung mehrere Jahre, ich hatte auch das Gefühl, etliche Jahre mit den Protagonisten verbracht zu haben. Denn nun heißt es endgültig Abschied nehmen von lieb gewordenen Gestalten. Tiriki und Micail, Reidel, Damisa, Chedan, Taret und wie sie alle hießen. Sie sind lange von uns gegangen, ihre Namen, ihre Taten vergessen, wenn das nächste Kapitel der Saga aufgeschlagen wird. Im Jahre 43 n. Chr., über zweitausend Jahre nach den Ereignissen dieses Buches.

Nur weniges Sichtbare, wie z. B. Stonehenge, das in diesem Buch eine große Rolle spielt, hat aus jenen dunklen Tagen bis in unsere Zeit überdauert. Wir, die wir doch vorgeben, alles zu wissen, haben kaum eine Ahnung davon, wie diese Anlage vor Tausenden von Jahren erbaut wurde. Vielleicht gibt es doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als der Mensch mit seinem beschränkten Verstand erklären kann.

“Atlantis ist verloren, aber die Mysterien bleiben. Es gibt hier viel für uns zu tun.“ (Seite 409)

 

Kurzfassung

Von Atlantis nach Avalon. Die Überlebenden des untergegangenen Seereiches gründen in Britannien unter großen Schwierigkeiten ein Heiligtum, das fortan für Jahrhunderte bestehen und seine eigene Magie entfalten wird.

Ursprünglich geschrieben am 12. Mai 2008; Text hier inhaltlich unverändert, lediglich in einigen Teilen an den jetzigen Lesedurchgang angepaßt

 

Über die Autorinnen

Marion Zimmer Bradley, siehe diesen Beitrag: Marion Zimmer Bradley - Kurzbiographie

Diana L. Paxson wurde am 20. Febr. 1943 in Detroit geboren, wuchs jedoch in Californien auf. Sie studierte u. a. in Berkeley, wo sie auch ihren Abschluß in Literaturwissenschaft, Schwerpunkt Mittelalter, machte. Sie heiratete Donald Studebaker, mit dem sie einen Sohn hat. Sie ist die Schwägerin von Marion Zimmer Bradley und hat nach deren Tod die Avalon-Saga zu Ende geführt. Daneben hat sie eine Anzahl eigener Fantasy-Bücher veröffentlicht. Noch immer wohnt sie in Greyhaven, dem Haus, in dem bis zu deren Tod auch Marion Zimmer Bradley lebte.

 

Bibliographische Angaben meines gelesenen Exemplars:

608 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Originaltitel: Ancestors of Avalon Übersetzt aus dem Amerikanischen von Irene Holicki und Irene Bonhorst.
Verlag: Diana Verlag, München, 2004