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Cover: Michail Scholochow - im Duell mit der Zeit

 

Zum Inhalt

Die Beiträge dieses Buches untersuchen das Verhältnis Scholochows zu Stalin, geben Einblick in Hintergründe der Romane „Der stille Don“ und „Neuland unterm Pflug“ sowie Interpretation dazu. Auch erfährt man einiges über das Leben und Arbeiten Scholochows außerhalb seiner schriftstellerischen Tätigkeit.

 

 

 

 

Kommentar / Meine Meinung

Vor über dreißig Jahren habe ich mir von Michail Scholochow „Der stille Don“ zugelegt. Sollte eigentlich ziemlich bald gelesen werden. Doch wie es so geht, erst mal ins Regal gestellt, blieben die beiden Bände dort, überstanden mehrere Umzüge und Umräumaktionen. Wurden immer mal zur Hand genommen - und dann doch wieder ins Regal gestellt. Diesen Herbst schließlich war eine Leserunde Anlaß, den „Stillen Don“ endlich zu den gelesenen Büchern hinzuzufügen. Und seither hat er mich nicht mehr losgelassen.

Auf der Suche nach Sekundärliteratur dazu bin ich auf dieses Büchlein gestoßen. Es bietet auch für Laien gut lesbare Beiträge über den „Stillen Don“, „Neuland unterm Pflug“ sowie das Verhältnis von Scholochow zu Stalin. Da ich „Neuland unterm Pflug“ bisher noch nicht gelesen habe, waren die Ausführungen dazu sehr interessant, aber ohne die Kenntnis des Buches für mich doch eher theoretisch. Anhand einiger Textstellen hat Beitz aufzuzeigen versucht, daß „Neuland unterm Pflug“ eben gerade kein Handbuch für die Zwangskollektivierung bzw. Einführung der Kolchosen ist, sondern durchaus kritische Töne dazu enthält.

Was mich in gewisser Weise fasziniert hat war, daß Beitz den „Stillen Don“ ähnlich sieht wie ich. Ich habe, was mich sehr verwundert hat, eben gerade keinen Propagandaroman vorgefunden, sondern es wurde auch offen Probleme angesprochen. Und auch die Roten kamen nicht immer gut weg. Beitz bringt etliche Beispiele dafür, daß der „Stille Don“ ein Kapitel der russischen bzw. sowjetischen Geschichte aufarbeitet und dabei beiden Seiten (Weißen wie Roten) weitgehend gerecht wird.

Verblüfft hat mich an Beitz’ Buch, da ich bisweilen nicht sicher war, ob er nicht mehr durch eine „rote Brille“ sieht als Scholochow selbst das tat. Mit anderen Worten, manchmal hatte ich das Gefühl, daß Beitz „linker“ interpretiert als Scholochow geschrieben hat, oder noch anders: daß Scholochow „neutraler“ war, als Beitz das zugeben wollte. Da ich das Buch nicht mehr habe (ich hatte es über Fernleihe besorgt), kann ich es momentan nicht an einzelnen Stellen festmachen. Möglicherweise liege ich auch falsch, aber so habe ich es beim Lesen empfunden.

Auf ein weiteres Problem, das mir schon öfters begegnet ist, hat Beitz aufmerksam gemacht: auf das der zutreffenden Übersetzung. Er zitiert öfters aus Scholochows Werk, gibt die wörtliche Übersetzung (wobei ich ihm natürlich glauben muß, daß das die wörtlich ist) und die, welche sich im Buch findet. Da gibt es teilweise doch erhebliche Abweichungen. „Neuland unterm Pflug“ werde ich auf jeden Fall versuchen, in einer alten Übersetzung von 1952, die anscheinend wortgetreuer ist, als eine spätere, zu lesen. Noch besser wäre es natürlich, Russisch zu lernen und im Original zu lesen. Wenn mir jemand bitte die Zeit dazu schenken würde? ;-)

Lesenswert war auch der Abschnitt über das Verhältnis von Scholochow zu Stalin. Dabei hat Beitz aufgezeigt, daß Scholochow seine eigene Meinung hatte und die nicht unbedingt bereit war, selbige Stalin unterzuordnen. Das ging so weit, daß zu Zeiten der „großen Säuberung“ auch Gefahr für Scholochow bestand, eben weil er es auch wagte zu widersprechen und sich für „seine“ Bauern eingesetzt hat.

Das Buch werde ich mir mit Sicherheit noch zulegen, wenn es denn zu einem etwas angemesseneren Preis erhältlich ist. Dieser ist umso unverständlicher, als daß man die Arbeit des Korrektors offensichtlich eingespart hat. Noch nie habe ich ein Buch mit so vielen Satzfehlern gelesen wie dieses. Das wirft auf jeden Fall ein schlechtes Bild auf die herstellerische Qualität dieses Verlages.

Alles in allem hat Beitz ein Bild von Scholochow entworfen, das zwar einen überzeugten Kommunisten zeigt, der aber dennoch nicht „das System“ über den Menschen stellt, sondern dem der Mensch wichtiger ist als das System. Ich bin nun gewißlich nicht der politischen Überzeugung wie Scholochow, aber ich habe den Eindruck gewonnen, daß es sehr lohnend gewesen wäre, mit ihm zu diskutieren, weil ihm - das ist jetzt mein Eindruck, der durchaus falsch sein kann - der Mensch und seine Bedürfnisse sowie historische Richtigkeit wichtiger waren als die Ansprüche des Systems.

 

Kurzfassung

In verschiedenen Beiträgen werden „Der stille Don“ und „Neuland unterm Pflug“ in Grundzügen vorgestellt und interpretiert. Dazu ein Kapitel über das, durchaus schwierige, Verhältnis von Scholochow zu Stalin. Nicht immer neutral ein dennoch gut lesbares Buch über den sowjetischen Autor.

 

Über den Autor

Willi Beitz wurde 1930 geboren und hat Slawistik und Germanistik studiert. 1962 - 1969 war er Direktor des Instituts für Slawistik der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg. Ab 1970 bis 1992 war er an der Universität Leipzig tätig.

Bibliographische Angaben

148 Seiten, gebunden Verlag: Verlag Peter Lang, Frankfurt/M. 2009

   
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