Sie fühlte sich einsam und verängstigt, weil Loka etwas verstand, was sie nicht verstehen konnte, akzeptiere, was unmöglich sein konnte, und es war Wirklichkeit geworden.* (S. 131)
Als die Anthropologin Tory Kent im Stammesland der Modocs in Californien ankommt, gibt sie wenig auf die Gerüchte über einen Geistkrieger, der dort Wache halten soll. Sie will den Ort sehen und besuchen, an dem ihr Ur-Ur-Großvater in den Indianerkriegen ermordet wurde. Doch plötzlich steht ein Krieger wie aus vergangenen Tagen leibhaftig vor ihr und bezeichnet sie als Feindin. Traum oder Realität? Und wenn es Realität ist - was bedeutet das? Die Grenzen von Raum und Zeit scheinen zu verschwimmen, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Meine Meinung
Es ist so ein Ding mit der Familiengeschichte. Manche interessiert die überhaupt nicht, andere wollen etwas über ihre Ahnen erfahren. Tory Kent gehört zu den letzteren, weshalb sie schon einmal einen Kurzaufenthalt im „Land der erloschenen Feuer“ eingelegt hat, nur um überstürzt und verwirrt ob der Begegnung mit einem Krieger wie aus einem Western wieder abzureisen. Nun, ein halbes Jahr später, hat sie sich einige Tage frei genommen und kommt wieder hierher. Denn vor rund 120 Jahren wurde hier ihr Ur-Ur-Großvater im Kampf der US-Army gegen die Modocs erschossen. Sie will diesen Ort aufsuchen und ihrem Vorfahr gewissermaßen „nachspüren“. Doch der Aufenthalt entwickelt sich völlig anders als geplant und wird ihr ganzes bisheriges Leben infrage und auf den Kopf stellen.
Denn nun erfährt sie, daß es Gerüchte gibt, daß irgendwo da draußen ein Geistkrieger sein Unwesen treibe, was sie an ihre Begegnung vor einigen Monaten erinnert. Und dann steht dieser „Geistkrieger“ plötzlich in Fleisch und Blut vor ihr und bezeichnet sie als „Feindin“.
Selten habe ich in einem Buch die indianische Denkweise so gut beschrieben gefunden wie hier. Es ist gut, wenn man mit der deren Mythologie und Weltauffassung etwas vertraut ist, dann kann man manche Denkweisen und Handlungen des „Geistkriegers“ besser (oder überhaupt erst) verstehen. Genau aus diesem fehlenden Verständnis, der fehlenden Akzeptanz einer anderen Sicht- und Lebensweise ergaben (und ergeben) sich viele Probleme, die zu Zeiten des Wilden Westens meist in kriegerischen Auseinandersetzungen und der Dezimierung der indigenen Bevölkerung endeten.
Diese Zeiten sind jedoch vorbei, so daß aus der Begegnung von Vergangenheit und Gegenwart ganz andere Schwierigkeiten entstehen. Vor allem: wie kann es sein, daß ein junger Krieger auftaucht und vorgibt, über 120 Jahre alt, quasi durch die Zeit gereist, zu sein? Tory ist skeptisch, denn so etwas ist schließlich unmöglich, und dennoch fühlt sie irgendeine Verbindung mit Loka, wie sich der Krieger nennt. Seltsamerweise ergeht es ihm genauso, obwohl der die fremde Frau eigentlich hassen will, ist sie doch eine Weiße.
Die Erzählung entfaltet sich trotz der nur knapp 250 Seiten ausreichend langsam, so daß ich die Entwicklung der Figuren wie der Handlung gut nachvollziehen konnte. Wenn man ein gewisses „mystisches Element“ in Betracht zieht (ohne das würde das Buch nicht funktionieren), wird sogar die „Zeitreise“ glaubhaft, ist das, was beschrieben wird, doch tief im indianischen Denken verankert. Und schließlich gab es zwischen Himmel und Erde schon immer Dinge, die sich nicht rational erklären ließen. Insofern hat mich das Buch an „Navajo Nights“ derselben Autorin erinnert, in welchem moderne und traditionelle Sichtweisen ebenfalls untrennbar miteinander verwoben wurden.
Figuren und Landschaft fand ich gut beschrieben, so daß das Kopfkino während der gesamten Lesezeit lief. Die Entwicklung sowohl der Haupt- wie auch der Neben-Figuren erschien mir in sich konsistent bis hin zum filmreifen Showdown kurz vor dem Ende des Romans, bevor das Buch ruhig ausklingen kann.
Mein Fazit
Gegenwart und Vergangenheit, „weiß“ und „rot“ prallen auf ungewohnte Weise aufeinander und müssen sich arrangieren. Eine spannende Geschichte über eine eigentlich unmögliche Liebe mit Einblicken in eine andere Kultur. Lesenswert.
Über die Autorin
Vella Munn stammt aus North Carolina und lebt heute in Oregon. Sie ist verwitwet, hat zwei Söhne und vier Enkelkinder. Bisher hat sie über einhundertfünfzig Bücher veröffentlicht (Angabe auf ihrer Webseite).
Originaltext und Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe
* = She felt lonely and frightened because Loka understood something she didn’t, accepted what couldn’t possibly be, and it had become reality. (S. 131)
248 Seiten, kartoniert
Verlag: Silhouette Books, New York/NY 1996; ISBN-10: 0-373-07695-9; ISBN-13: 978-0-373-07695-6
