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Er würde sterben, wenn er sich den letzten freien Lakota anschloss. Das wusste er. Aber es wäre ein ehrenvoller Tod. (Seite 484)

 

Cover: Der scharlachrote PfadZum Inhalt

Die Crow Wah-bo-sehns wird mit ihrem Baby von Tschetan-withko, einem Lakota, gefangen und zur Frau genommen. Sie und manche andere tun sich bisweilen schwer, sich bei den Sioux einzuleben. Aber so viel anders ist das Leben nicht. Bis immer mehr Weiße ins Stammland der Sioux vordringen und diese zu vertreiben beginnen. Nach der Schlacht am Little Big Horn beginnt ein gnadenloser Vernichtungskrieg gegen Männer, Frauen und Kinder. Nur wenige werden ihn überleben ...  

 

 

 

Kommentar / Meine Meinung

Meine Güte - was für ein Buch! Wie soll ich da eine Rezi beginnen zu einem Buch, das von himmelhochjauchzend bis zum Tode betrübt so ziemlich alles enthält, was das Leben an Schönem, aber auch Grausamem und Entsetzlichem zu bieten hat? Und dessen Ausgang, man kennt ja die Historie, am Beginn schon fest steht. Oder doch nicht? Wer es nicht so genau wissen möchte, der sollte das informative Nachwort, in dem die Autorin Fakt und Fiktion darlegt, wirklich erst nach der Buchlektüre lesen. Und auch das (notwendige) Personenregister zu Beginn sagt durch die Verwandtschaftsverhältnisse schon Einiges über den Handlungsverlauf. Aber gerade dieses habe ich immer wieder zu Rate gezogen, weil die in diesem Buch verwendeten Namen doch recht indianisch, also für mich relativ ungewohnt, waren und ich so besser den Überblick behalten habe.

Ich bin noch ganz im Bann des Gelesenen und würde am liebsten das ganze Buch hier zitieren; aber das geht aus naheliegenden Gründen nicht. Um mit meinem einzigen Kritikpunkt zu beginnen: das einzige Manko ist, daß es eine Klappenbroschur ist. Schade, daß der Verlag nicht ein Hardcover daraus gemacht hat, das wäre es wirklich wert. Vor allem bei diesem wunderbar anzufassenden Papier mit seiner angenehmen Haptik.

Jedem, der sich nur ein wenig mit der Geschichte des Wilden Westens beschäftigt, sagen Stichworte wie Sioux, Little Big Horn oder Crazy Horse etwas. Hier findet man all dies - und viel mehr - vereint in einem Roman, der vom Untergang des freien Lebens der Sioux erzählt - aus Sicht der Sioux. Noch nie ist mir diese konsequent durchgehaltene Perspektive so eindringlich begegnet, noch nie habe ich Indianer so „menschlich“ beschrieben gefunden wie hier. Und noch selten wurde die Tragödie jener Tage dermaßen plastisch und nachvollziehbar wie in dieser Sioux-Saga.

Dabei holt die Autorin weit aus und beschreibt auch das normale Leben eines Stammes; die täglichen Sorgen, Kriegs- und Abenteuerzüge bis hin zum Raub von Frauen, den wohl die meisten Stämme „pflegten“. Wah-bo-sehns, eine der Hauptfiguren, ist so eine geraubte Crow, die von Tschetan-withko, einem Lakota, zusammen mit ihrem wenige Monate alten Baby als Ehefrau in sein Tipi aufgenommen wird. Die langsame Annäherung der beiden ist sehr glaubwürdig beschrieben; genau so könnte solches stattgefunden haben. Wie es aber auch verlaufen könnte, sieht man an Fisch und seiner gefangenen Pawnee.

Das einzig manchmal etwas Verwirrende, weil ungewohnt, sind die Namen der vielen Figuren, die jede einen eigenen Charakter haben und für mich dermaßen zum Leben erwachten, daß es mir schwer fällt zu glauben, daß die Geschichte fiktiv sein soll. Che-ni-win, Englisch Jenny, ist hier im Roman zwar fiktiv, aber es gab solche Fälle, in denen weiße Frauen freiwillig bei den Indianern lebten und mit ihnen leiden mußten.

Leiden muß die Gruppe mit ihrem Häuptling Traumpfeil mehr als manchmal erträglich ist, nachdem die US-Army mit ihrem gnadenlosen Vernichtungskrieg gegen die Indianer beginnt. Vergewaltigen, Abschlachten, Aushungern sind nur einige der Dinge, deren sich die Army „rühmen“ kann. Wer meint, daß diese Geschehnisse hier im Buch auch fiktiv seien, der sei auf die Geschichtsbücher verwiesen. Denn das ist leider wirklich geschehen. Als ich das gelesen habe, fragte ich mich unwillkürlich, wie eine Nation, die sich auf dermaßen viel Leid und Blut sowie Vertragsbruch aufbaut, anmaßen kann, den Weltpolizisten zu spielen und anderen gar etwas von Menschenrechten erzählen zu wollen, wenn man das bis heute nicht mal im eigenen Land verwirklicht.

Es wird dem Leser also Einiges abverlangt, aber wer sich auf so ein Buch einläßt weiß meist, was auf ihn zukommt. Die Autorin schreibt in einem wunderbar flüssig zu lesenden Stil; Form und Inhalt empfand ich als eine Einheit, schon nach wenigen Worten war das Kopfkino in vollem Gange. Das ging so gut, daß ich - was nicht bei allen Büchern der Fall ist - auch jeweils nur kurze Abschnitte am Stück lesen konnte und sofort drin war. Dabei achtet die Autorin darauf, die Würde der Figuren zu wahren - selbst in den schlimmsten Szenen.

Allerdings mutet sie dem Leser (bis auf die wenigen Kapitel aus Sicht der Weißen) zu, die Geschichte aus Sicht der Indianer, mit deren Denkweise, erzählt zu bekommen. Da mag einem manches sehr fremd vorkommen, aber es entspricht dem, wie es war. Vor allem aber werden die Indianer hier als ganz normale Menschen mit ihren Sorgen, Ängsten und Nöten, aber auch ihren Freuden beschrieben. Und dem ihnen eigenen Humor, der auch uns Weißen manchmal ganz gut täte.

„Das Thema meines Buches ist die Veränderung. Wie reagieren Menschen darauf, wenn ihnen ihre gesamte Lebensweise weggenommen wird?“ So schreibt die Autorin im Nachwort (S. 794). Das ganze Buch über habe ich mich gefragt, ob denn „Veränderung“ hier ein zutreffender Begriff ist, geht es doch eigentlich um den Untergang einer jahrhundertelangen Tradition und Lebensweise. Diese Veränderung, dieser Untergang wird dermaßen nachvollziehbar und eindringlich beschrieben, daß ich mich immer wieder vor die Frage gestellt sah, wie ich wohl in einer vergleichbaren Situation reagieren würde. Den Indianern wurde keine Wahl gelassen, ihre Lebensweise wurde gnadenlos zerstört. Aber sie hatten - bis zu einem gewissen Grade - die Wahl, wie sie damit umgehen. Eine solche Wahl wird im Verlauf des Romans beschrieben.

Ein Buch, das sehr lange nachwirken wird.  

 

Kurzfassung

Ein grandioses Buch über das Leben und den letzten Kampf der Lakota-Sioux. Eines der besten Indianer-Bücher, das ich bisher gelesen habe. Absolut empfehlenswert.  

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Über die Autorin

Kerstin Groeper wurde in Berlin geboren und lebte einige Zeit in Kanada; sie spricht Lakota. Über Indianer schreibt sie Artikel für verschiedene Zeitschriften sowie Bücher. Zusammen mit ihrer Familie lebt sie in der Nähe von München.  

Bibliographische Angaben

795 Seiten, 1 Landkarte, kartoniert.
Verlag: TraumFänger Verlag, Hohentann 2014  

Di8ese Rezension wurde in der November-Ausgabe 2014 der Zeitschrift "Amerindian Research" abgedruckt.