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„Die einzige Freiheit, die der Mensch in seinem Leben hat, ist herauszufinden, was seine ureigenste Natur und Bestimmung ist, und diesem Pfad zu folgen“, erwiderte Horatio. „Es gibt kein Leben ohne Verwantwortung und Bindung, Mary. Vor dieser Wahrheit kann man nicht weglaufen.“ (Seite 198)

 

Covder: Mein Feuer brennt im Land der Fallenden WasserZum Inhalt

Pennsylvania 1758: nach einem Indianerüberfall ist die zwölfjährige Mary Jamison die einzige Überlebende und wird zu den Seneca-Irokesen gebracht, von denen sie adoptiert wird. Zwar wird sie wie ein Familienmitglied behandelt, doch sie kann ihre Herkunft und das, was ihrer Familie angetan wurde, nicht vergessen. Je länger sie bei den Seneca lebt, umso tiefer wird der innere Zwiespalt, in den sie gerät. Wie wird sie sich entscheiden, wenn sich eines Tages die Gelegenheit zur Flucht ergibt?

 

 

Kommentar / Meine Meinung

Das Buch habe ich mir vor ein paar Jahren schon gekauft, und im Nachhinein weiß ich gar nicht so recht, weshalb ich es nicht schon längst gelesen habe, bietet es doch genau das, was ich mir von ihm erwartet habe - und eigentlich sogar noch mehr. Zu Beginn sieht es allerdings gar nicht danach aus, denn der in der Inhaltsangabe erwähnte Indianerüberfall auf die Farm der Jemisons wird zwar nicht unbedingt ausführlich, aber dennoch genügend deutlich beschrieben, so daß man sich über die Brutalität keinem Irrtum hingeben kann. Wie das da zu der im Buchrückentext erwähnten Situation kommen sollte, daß Mary nicht mehr weiß, wohin sie gehört, war mir schon etwas rätselhaft. Allerdings wird dieses „Rätsel“ im weiteren Verlauf durchaus glaubwürdig aufgelöst.

Das Leben bei den Seneca, einem Stamm der Irokesen, wird anschaulich beschrieben. Es kam mir gar nicht so unbekannt vor; nicht, weil ich nicht schon Etliches über das Leben der Indianer gelesen hätte. Sondern weil es mich an ein Buch erinnerte, das ich in meiner Jugend wieder und wieder gelesen habe, bis ich es streckenweise fast auswendig konnte. Lange vergessen, fiel es mir unwillkürlich wieder ein: „Blauvogel, Wahlsohn der Irokesen“ von Anna Jürgen, das mir in jugendlichem Alter meine Oma geschenkt hatte. Viele Szenen erschienen aus dem Dunkel der Vergangenheit vor meinem geistigen Auge, und sie waren denen, die in dem Buch hier beschrieben werden, recht ähnlich.

Die Art, wie Mary zu den Indianern kommt, ihre Behandlung dort, ihre Ängste und schließlich ihr langsames Annähern an ihre neue Umgebung und Familie werden anschaulich und nachvollziehbar beschrieben. Einen besonderen Wert legt der Autor dabei auf der Schilderung des ganz normalen indianischen Lebens und zwar, wie schon in den zuvor gelesenen Büchern von Michael Blake, aus Sicht der Indianer. Nicht zuletzt dadurch wird der scharfe Kontrast zu den weißen Siedlern und ihrer Denk- und Lebensweise mehr als deutlich und ohne, daß Schröder eine Antwort vorgeben muß oder präferiert, sind die Schlüsse für den Leser bei - und sei es nur halbwegs - objektiver Betrachtung ziemlich eindeutig.

Irgendwann taucht ein Jesuitenpater auf, der die Seneca missionieren will. Schien er mir zunächst recht sympathisch, hat sich das doch recht bald geändert. Leider, leider scheint mir sein Verhalten recht typisch zu sein - wie eine entsprechende Anmerkung im umfangreichen Nachwort bestätigt. Alleine wegen der Antwort, die er auf sein Verlangen vom Seneca-Häuptling erhält, wäre dieses Buch lesenswert. Wie überhaupt die Welt vielleicht um ein vielfaches besser aussähe, hätte man mehr von den „Sechs Nationen“, wie die Irokesenliga auch genannt wird, gelernt und übernommen. Wie modern diese war, mag man daran ersehen, daß einige Prinzipien der amerikanischen Verfassung sich direkt auf diese zurückführen lassen. Selbst Theoretiker wie Karl Marx und Friedrich Engels beriefen sich in ihren Schriften auf die Organisationsform der Irokesen - allerdings nicht ohne anzumerken, daß die herausgehobene Stellung der Frau eine „Verirrung“ sei.

Auch wenn das Buch nur 265 Seiten eigentlichen Text enthält, hatte ich nie das Gefühl, als ob der Autor ein hohes Erzähltempo hätte oder etwas fehlen würde. Handlung und Beschreibung sind im ausgewogenen Gleichgewicht, die Figuren erwachten zum Leben und haben stets nachvollziehbar gedacht und gehandelt, das Ganze in einer Landschaft, die ich mir auf Grund der Beschreibungen gut vorstellen konnte. Ausgelesen, hatte ich das Gefühl, einen „dicken Wälzer“ gelesen zu haben.

Mary Jemison gab es wirklich; ihr Leben verlief ähnlich, wie es in diesem Roman beschrieben wurde. Vielleicht hatte ich deshalb das Gefühl, mich von guten Freunden verabschieden zu müssen; Freunden, die ich gerne im wirklichen Leben gekannt hätte.

Kurzfassung

Die Geschichte der Mary Jemison, die zu den Seneca-Irokesen kam und dort ein neues Leben beginnen mußte. Überaus lesenswert.

 

Über den Autor

Rainer M. Schröder wurde 1951 in Rostock geboren und floh mit seiner Familie 1961 nach West-Berlin. Er hat Jura sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Köln studiert. Seit 1977 ist er als freier Schriftsteller tätig.

Bibliographische Angaben meines gelesenen Exemplares

287 Seiten, kartoniert. 2 Landkarten, ausführliches Nachwort, Literaturverzeichnis
Verlag: Arena Verlag, Würzburg, 4. Auflage 2010