„Durch die Nacht“, flüsterte es in meinem Kopf, „Durch die Dunkelheit. Durch die Zeit. Ihr geht nicht einen Weg. Sondern Tausende.“ (Seite 459)

Cover: Ncona. Der WandererZum Inhalt

Um Aufnahmen für einen Bildband zu fotografieren, reist Sara nach Oklahoma ins Indianerreservat. Dort trifft sie auf Makah, von dem sie sich seltsam angezogen fühlt - was ihm umgekehrt genauso ergeht. So als würden sie sich kennen, obwohl sie sich noch nie zuvor begegnet sind. Als ob dies nicht seltsam genug wäre, beginnen bei ihr wie bei Makah Visionen, die sie in eine längst vergangene Zeit entführen und die Leben zweier historischer Menschen nachleben lassen.
1836 wird die etwa elfjährige Cynthia Ann Parker bei einem Überfall von Comanchen entführt. In den folgenden Jahren fügt sie sich vollständig in das Stammesleben ein, um schließlich Nocona, den Sohn eines Kriegshäuptlings, der selbst einmal dieses Amt bekleiden wird, zu heiraten.
Die Leben der vier scheinen durch Raum und Zeit hinweg verbunden - ist eine erneute Katastrophe vermeidbar?

 

 

 

Meine Meinung

Ein paar Tage, bevor ich dieses Buch begann, hatte ich „Die mit dem Wind reitet“ von Lucia St. Clair Robson beendet. Nach kurzer Überlegung, ob es denn sinnvoll ist, gleich als nächsten Roman einen zu lesen, der sich, wenngleich auf ganz andere Art, mit derselben Thematik beschäftigt und größtenteils die selben Hauptfiguren hat, bin ich dann trotz der Bedenken bei diesem Buch geblieben. Denn nach über achthundertfünfzig Seiten war ich noch so tief mit dem Schicksal von Nocona und Naduah beschäftigt, daß ich sie schlicht noch nicht „verlassen“ wollte. Um es gleich vorweg zu nehmen: es machte nichts, daß hier weitgehend die selbe Geschichte, wenngleich auf andere Art und mit anderen Schwerpunkten, erzählt wurde wie im erstgenannten Buch. Schreibstil und Inhalt sind ausreichend verschieden, so daß ich beide Bücher auch nach der Lektüre gut voneinander unterscheiden kann. Schwierig würde es allerdings, wenn ich beurteilen sollte, welches mir besser gefallen hat. Denn auf eine je eigene Weise beanspruchen beide Romane diesen Titel.

Während „Die mit dem Wind reitet“ ein (reiner) historischer Roman ist, hat „Nocona - Der Wanderer“ Fantasyelemente, in dem er auf zwei Zeitebenen spielt. Es gibt die (fiktive) Rahmenhandlung mit Sara und Makah im Jahr 2018 und die (historischen) Geschehnisse um Cynthia Ann Parker/Naduah und Nocona aus dem 19. Jahrhundert. Beide sind verbunden, denn in einer Art Vision „er-leben“ (in des Wortes direkter Bedeutung) Sara und Makah die wesentlichen Stationen im Leben von Naduah und Nocona. Vom ersten Aufeinandertreffen bis hin zum bitteren Ende, das man in den Geschichtsbüchern nachlesen kann.

Es war sehr interessant, die grundsätzlich selbe Geschichte innerhalb kurzer Zeit in zwei Romanen zu lesen, in denen die (soweit ich das beurteilen kann) historischen Geschehnisse weitgehend entsprechend den Überlieferungen dargestellt wurden, die Schwerpunkte jedoch anders gelegt waren und sich Unterschiede alleine schon daraus ergaben, daß etwa die Gedanken der Personen, deren Gefühlswelt oder gar Gespräche natürlich nicht überliefert sind, woraus sich ein großer Spielraum ergibt, die einzelnen historischen Ereignisse (wie zum Beispiel die Entführung Cynthia Ann Parkers, ihr Einleben bei den Comanchen, die Heirat mit Nocona usw.) auszugestalten. Zwar hat jede der beiden Autorinnen natürlich ihre eigene Art und ihre eigene Schwerpunktsetzung, im Großen und Ganzen erzählen sie jedoch dieselbe Geschichte.

Das Besondere an diesem Buch hier ist allerdings, daß die Grenze zwischen Raum und Zeit verschwimmt, durchlässig wird und anscheinend aufgehoben wird. Das hat die Autorin äußerst geschickt angelegt, indem es in Form von Visionen geschieht. Geschickt (und damit überaus passend) insofern, als daß Visionen ein elementarer Bestandteil der indianischen Mythologie und Überlieferung sind und hier passen wie die berühmte Faust aufs Auge. Mehrfach mußte ich an die „Navajo Nights“ von Vella Munn denken, in denen die Grenze zwischen Realität und Mythos ebenso durchlässig wird wie hier die zwischen Realität und Vision. Weder Figuren noch Leser sind sich sicher, ob es sich „nur“ um Träume handelt oder Sara und Makah die Leben von Naduah und Nocona gleichsam „er-leben“. Dadurch wird die Erzählung ungemein intensiv und zieht den tief in die Handlung hinein, so daß ich am Ende das Gefühl hatte, alles selbst erlebt zu haben.

Wie schon im früher erwähnten Roman „Die mit dem Wind reitet“ wird auch hier die Verschiedenheit der „weißen“ und „roten“ Lebensweise überdeutlich. Während die „rote Lebensweise“ mit und in der Natur ist, ist die „weiße Lebensweise“ eher gegen die Natur gerichtet. Die Folgen sind - damals wie vor allem auch heute - dramatisch. Unwillkürlich steht man vor der Frage, welche die bessere ist oder ob man nicht von der einen Elemente in die andere übernehmen könnte - besser sollte. Hierzu würde es jedoch einer großen Veränderungsbereitschaft bedürfen. Und da sehe ich eher schwarz.

Eines Tages wird die Erde weinen. Sie wird um ihr Leben flehen. Sie wird Tränen aus Blut vergießen. Ihr werdet die Wahl haben, ihr zu helfen - oder sie sterben zu lassen. Und wenn sie stirbt, sterbt ihr auch.
John Hollow Horn, Oglala Lakota (S. 523)

 

Mein Fazit

Ein großartiger Roman, der die Geschichte von Nocona und Naduah auf zwei Zeitebenen erzählt und so die Grenzen von Raum und Zeit verschwimmen läßt. Ein Buch, das nachhallt und lange im Gedächtnis bleiben wird. Unbedingt lesenswert.

 

Über die Autorin ...

... habe ich nichts hier Erwähnenswertes gefunden.

Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe

730 Seiten, kartoniert
Verlag: Britta Strauss (selbst veröffentlicht, derzeit nur bei Amazon erhältlich)
ISBN 9798675884384

 

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